Théâtre du Soleil
Geschichtsfresco als Maskentheater
von Eberhard Spreng
Im Winter 2024 inszenierte Ariane Mnouchkine, eine der großen Mythen der französischen Theaterregie seit den 1970er Jahren, den ersten Teil ihres großen Geschichtsfreskos „Ici sont les Dragons“. Angestoßen vom russischen Angriff auf die Ukraine 2022, will das „Théâtre du Soleil“ die historischen Grundlagen für die aktuellen europäischen Konflikte ausforschen. Im zweiten Teil steht nun die Zeit von 1918 – 1933 im Fokus.
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 23.03.2026 → Beitrag hören

Lenin, Stalin, und Trotzki hocken auf weiter Bühne vor dunklem Hintergrundprospekt. Sie führen eine militärische und politische Strategiediskussion. Wir befinden uns im Jahre 1918, in der Endphase des ersten Weltkrieges.
– „Это похрадный мир. Мы предоём нашут союзников, подождём немного.
– Чем дольше вы ждём? Чем жёшь, чего будут требования нёмцев?“
Die drei Akteure tragen markante Lenin-, Stalin- und Trotzkimasken; ihre Worte aber sprechen andere Stimmen aus dem Off. Russisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Ukrainisch sind in „Ici sont les Dragons“ zu hören. Illustriert werden in den insgesamt 30 Szenen historische Ereignisse aus den Jahren 1918 bis 1933. Der Untertitel des Stücks lautet „Choc et Mensonges“ „Schock und Lügen“. Das meint die Strategie des künftigen deutschen Propagandaministers Joseph Goebbels. Er strebte die Zerrüttung einer politischen Kultur an, die in der Weimarer Republik ohnehin schon stark erschüttert war. Auf den sepiabraunen Prospekthintergründen, die an barocke Historienmalerei erinnern, ist deshalb oft München abgebildet, sogenannte „Hauptstadt der Bewegung“. Wir sehen auf der Bühne eine Hitlerfigur, die sich in antisemitische Rage hineinsteigert.

„Ich begann sie allmählich zu hassen. Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden.“
Diese Passage aus „Mein Kampf“ kann das französische Publikum dank der Übertitelung verstehen. Die so genannte Tannenberg-Schrift wird mitten ins Bühnenbild projiziert. Nazis verwendeten sie gerne. Spiel, Dekor, Schrifteinblendungen und ein düstrer Soundtrack gehen eine plakative synästhetische Verbindung ein. Das große Thema des Abends: Ideologische Verunsicherungen und die Schwäche der Demokratien nutzen die kommenden NS-Herrscher, Deutsche wie Joseph Goebbels:
„Wir gehen in den Reichstag hinein, wie der Wolf in die Schafherde einbricht, um uns mit den Waffen der Demokratie zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahm zu legen.“
Das klingt im Europa der neuen rechten Bewegungen hoch aktuell. Ariane Mnouchkine zielt in ihrer Inszenierung aber vor allem auf militärisch und politisch bedeutsame Ereignisse im Machtkampf der Imperien. Da ist auch eine Szene aus dem Pazifikraum. Es geht um Japans Expansionsbestrebungen in der äußeren Mandschurei, da ist der Kreml und ein Stalin, der von der Ausdehnung des Mongolenreiches eines Dschingis Khans schwärmt. Klar, dass man da an Putins Kriege denken muss. Da sind auch Deutschlands Banker und Industrielle, die ihre Freude an der faschistischen Bewegung entdecken.
„Wenn Adolf Hitler offiziell die Abrüstung beenden will, würden wir Großaufträge vom Staat erhalten. Das kurbelt das ganze Reich an. Übreigens empfinden wir die nationale Bewegung, die unser Volk erhebt, als außerordentlich erfreulich. Auf das Wohl von Adolf Hitler!“

Gegen die Herrschaft so böser Menschen in Berlin, in Moskau, in Tokyo und andernorts, hat Ariane Mnouchkine nur Winston Churchill aufzubieten. Der verfolgt ziemlich allein und sehr besorgt die wachsende Militarisierung von Nazi-Deutschland. Sein kühler Blick auf die Notwendigkeit eigener militärischer Fähigkeiten lässt an die aktuellen Debatten über europäische Wehrhaftigkeit denken. Ein typisches Mnouchkine-Bild: Churchill wankt auf weiter Bühne über in wilde Wallung versetzte Seidentücher, wie durch die Wellen eines aufgebrachten Meeres. Er droht im Ärmelkanal zu ertrinken, und mit ihm die Demokratie.
Die nun 87-jährige Theaterprinzipalin Ariane Mnouchkine erzählt ihre Geschichtschronik als flotte Folge von Anekdoten; stützt sich zwar auf historisch verbrieftes Material, will in der Faktenvielfalt aber mehr, als Dramaturgie leisten kann und bringt ihr Theater in den Highspeedmodus. Das beeindruckt, bewegt aber nicht. Zu erschlagend ist die Fülle dessen, was das Théâtre du Soleil mit seinen fast dreißig Akteurinnen und Akteuren erzählen will. So bleibt nur das politische und moralische Anliegen.