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Milo Rau inszeniert in Stockholm
Die Zeit der Wölfe
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 01.02.2026 → Beitrag hören

Immer wieder hat Milo Rau in seiner Theaterarbeit Formen der politischen Gewalt reflektiert. Dabei geht es immer auch um die Frage, wie Gewalt im Theater überhaupt zur Darstellung kommen kann. Das Dramaten, Stockholms legendäres Nationaltheater gab ihm ein Stück- und Regieauftrag: „Rage“ ist das Ergebnis.

Foto: Dramaten

Wir werden gewarnt. Beim Eintritt des Publikums wird eine Passage aus der nordischen Helden- und Göttermythen-Sammlung „Edda“ auf den alten Jugendstilvorhang des Stockholmer Dramaten Theaters projiziert. Da ist von gesellschaftlichem Verfall die Rede, davon, dass Gewalt überall Einzug hält. Diese „Zeit der Wölfe“ ist im neuen Stück von Milo Rau nun auch in einem Schweden der Gegenwart angekommen: Das Land ist im Ausnahmenzustand, nachdem ein Anschlag auf die Ministerpräsidentin verübt wurde. Das ist eine der medialen Realitätsebenen, die hier ineinandergreifen. Eine weitere ist ebenfalls auf der großen Videoleinwand über der Bühne zu erleben: Da sehen wir, wie zwei junge Männer auf einem verschneiten Waldweg eine ältere Frau vor sich her stoßen und aggressiv befragen:

“Vilket land? Which Country? Which country, hello?”

Aus welchem Land sie komme, wollen sie wissen, bevor sie die Dame von hinten mit einem Schuss in den Kopf töten. In dem mit vielen großen Fenstern verglasten Landhaus, das auf der Drehbühne unterhalb der Leinwand friedlich vor sich hin kreist, ist von dieser Gewalt zunächst nichts zu spüren. Hierin haben sich Filmleute zurückgezogen, vor allem Filmschauspielerinnen und plaudern über dieses und jenes. Darüber, dass die junge Generation überbehütet und gewohnt sei, sich überall Safe-Spaces zu errichten, wo hingegen man sich selbst früher aller möglicher An- und Übergriffe auf die eigene Person habe erwehren müssen. Diesbezüglich kommt das Gespräch auf Ingmar Bergman und sein Machoverhalten gegenüber Frauen.

Alva Bratt und Elin Klinga (Foto: Dramaten)

Im Dramaten, wo der schwedische Film und Theaterregisseur ja seine großen Bühneerfolge feierte, nimmt man die Entzauberung des Starregisseur mit viel heiterem Vergnügen auf. Auch schaut man in diesem Landhaus gerne auf die Wand mit Bergman-Devotionalien wie seiner Baskenmütze und auf das Puppenhaus aus dem Filmdrama „Fanny und Alexander“. Kameramenschen übertragen Bilder von den heiter plaudernden Kulturleuten aus dem kreisenden Landhaus auf die Leinwand und sie offenbaren in vielen Nahaufnahmen die ungeheure spielerische Qualität des Ensembles. Das beiläufige Reden, die dezente Mimik, erinnern tatsächlich ein wenig an die Filmsprache des schwedischen Regisseurs. All diese Vorgänge auf der medialen Realitätsebene „Landhaus“ kommentieren und begleiten zwei junge Burschen an einem Tischchen rechts an der Vorderbühne. Es sind die beiden Mörder aus der Videoszene vom Anfang. Mit wachsender Beklemmung muss das Publikum erkennen, dass sie hier Regie führen, dass sie es sind, die den schleichenden Wechsel von einer eher inneren, psychologischen Gewalt in krasse äußere Gewalttaten betreiben. Sie treten nun selbst in das Landhaus ein und übernehmen das Kommando.

Alex Jubell, Danilo Bejarano, Elin Klinga und Alexander de Sousa (Foto: Dramaten)

Das erinnert stark an Michael Hanekes Film „Funny Games“, der 1997 sein Publikum mit sinnloser Gewalt aufwühlte. Nun aber, fast 30 Jahre später, hat diese Gewalt ein politisches Motiv bekommen: Irgendwo zwischen Fremdenhass und Hitlerverehrung.

“Mr. Hitler, also known as “Mr. Wolf.” The Führer. And I: his wife. A woman as fresh as life itself. What is death if it only means that the self is extinguished? If your people can live forever in return?”

Das sagt Alva Bratt, die zunächst nur davon gesprochen hatte, dass man ihr die Rolle der Eva Braun angeboten habe. Nun aber scheint sie die Hitlergeliebte in einer erotisch aufgeladenen Szene tatsächlich zu sein, ein Vamp, ein Filmmythos.

Das Schauspielmilieu seines neuen Stückes „Rage“ erlaubt es Milo Rau, sein Verwirrspiel von alter Legende, Realität, Fiktion, Film und Making-Off, politischer Nachricht, physischer Bühnenpräsenz und filmischer Widerspiegelung diesmal noch intensiver zu betreiben. Er erzählt in einer Art Kulturgeschichte der maskulinistischen Gewalt von der heute lächerlichen Verherrlichung des genialisches Genies der Ingmar-Bergman-Epoche, vom Metoo im Kulturbetrieb und lässt einen ihrer Täter auf der Bühne hinrichten. Dann erzählt er, wie ein junger, smarter, nüchterner und letztlich nihilistischer Faschismus das Gewaltmonopol erringt und einen gender-korrekten Kulturbetrieb ablöst. Die Kulturszene, so die düstere Bilanz, hat dem neuen Faschismus fast nichts entgegen zu setzen. „Rage“ ist eine bittere Satire aus einer Zukunft, die sich von der Gegenwart kaum noch unterscheiden lässt.