Sebastian Hartmann inszeniert Wolfram Lotzs Träume in Europa

Träume auf der Bühne
Die Deutung führt ins Leere
von Eberhard Spreng

Der erst vor wenigen Wochen erschienene Band „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz beruht auf der Auswertung von Posts in europäischen Internet-Traumforen. Den dokumentarischen Prosatext inszeniert Sebastian Hartmann nun am Staatsschauspiel Dresden als großes Theater der Bilder.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 11.05.2026 → Beitrag hören

Foto: Sebastian Hoppe

Ein Wolkenmeer. Darunter eine lange Tafel mit zehn in weite Gewänder gehüllten Gestalten, zwei Holzpaneelen auf den Seitenbühnen. Mit einem ziemlich großen Bild, das ein wenig an das berühme Abendmahl-Fresko von Leonardo da Vinci erinnert, beginnt Sebastian Hartmann seine Inszenierung der „Träume in Europa“. Wir sind entrückt, dem Himmel nah.

Friederike Bernhardt begleitet am Klavier den langsamen Start ins Traumreich. Erste kleine Blickbeziehungen tauchen auf, dann Berührungen, später Liebkosungen. Klug gesetztes Licht lässt wunderschöne Faltenwürfe entstehen in den blassgrünen, alt-rosa und beigen Gewändern. Aber dieses Tableau vivant hat wenig zu tun mit der aseptischen Prosa, die Wolfram Lotz aus der Sichtung von diversen Traumforen gewonnen hat. Es sind dies knappe, aufs Faktische reduzierte Destillate von Träumen, reine Protokolle von Traumereignissen, denen alles Bedrückende, alles Euphorische, und überhaupt alle Emotionen entzogen sind, die Träume normalerweise begleiten. Man fragt sich, ob das eigentliche Wesen von Träumen sprachlich zu fassen ist. Die Lektüre dieser „Träume in Europa“ jedenfalls überrascht durch Banalität.

„Eine Gruppe von Jugendlichen war angekommen, um vor uns aufzutreten. Alles was sie taten war, mit Händen und Füssen zu wedeln und zu schreien. Ich sagte, es gefalle mir nicht, da wurden sie aggressiv und kritisierten mich. Wie kann es dir nicht gefallen, du bist dumm.“

Foto: Sebastian Hoppe

Ein Abbild des Weltempfindens, wie es die Ankündigung verspricht, will sich in der Traumsammlung nicht offenbaren. Einige der durchgängig von einem nicht näher gekennzeichneten Ich-Erzähler geschilderten Träume beleuchten kuriose Transformationen des Alltags: Ein einzelner U-Bahn-Waggon ist in der Station stehen beblieben, was seine Passagiere nicht weiter interessiert. Eine träumt von einer Nacht mit Justin Bieber, ein andere von einer ekelhaften Kontamination durch körperliche Annäherung. Sexuelle Obsessionen und Aversionen, sexualisierte Gewalt- und Missbrauchserfahrungen werden erzählt, auch die Angst vor Trennung und Verrat:

„Nach einem Jahr treffe ich meine Frau an einem Hafen. Sie ist überrascht, mich zu sehen. Plötzlich taucht ein andern Mann auf, mit dem sie zusammen zu sein scheint. Ich merke dass sie sich unwohl fühlt. Ich habe einen emotionalen Zusammenbruch, akzeptiere jedoch ihre Entscheidung.“

Torsten Ranft spricht den Text mit einer Mischung aus Schmerz und Abscheu.

Zu keinem Zeitpunkt wird deutlich, was diese Traumsammlung des Wolfram Lotz mit Europa zu tun haben soll, nur einmal ist kurz von Emmanuel Macron die Rede. So entortet, entpersönlicht, aus allen politischen und sozialen Kontexten herausgelöst, werden die Texte zu reinen Sprachereignissen, die keine assoziativen oder emotionalen Ablagerungen in den Gehirnen des Publikums hinterlassen.

Foto: Sebastian Hoppe

Auch der bildmächtigste Regisseur des deutschen Theaterbetriebs, auch Sebastian Hartmann kommt mit solcherlei entkernter Literatur an sein Ende: Das schöne Bild vom Anfang ist längst aufgelöst. Die Tafel wird ab- und wieder aufgebaut, die Seitenpaneelen rollen zu immer neuen Bildkonstellationen über die Bühne, Körper werfen sich auf Wände und Böden, das Ensemble rennt mit Schreckensgrimassen aufs Publikum zu, Umarmung und Abstoßung, Kampf und Liebe illustrieren Emotionen, die den Texten wohl einmal zugrunde gelegen haben mögen.

„Kehr ein bei mir
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu.“

Zu einem Liebeslied des Romantikers Friedrich Rückert findet sich das versprengte Ensemble dann doch noch einmal zusammen. Rettung verspricht nur die Musik. In einer ermüdend langen, dreieinhalbstündigen, texttreuen Regieübung hat Hartmann bewiesen, wie man im Theater mit Nebelmaschinen zaubern kann, wie man mit Licht Welten entstehen und vergehen lassen kann. Er hat sein opulentes Bildertheater auf eine stoisch-erkaltete Literatur losgelassen, ohne dabei ihre Erzählungen zu illustrieren, und er hat die Körper seiner fünf Akteurinnen und fünf Akteure in wilden Aufruhr versetzt. Aber das alles ist letzten Endes nur der Wirbel um den leeren Kern eines fragwürdigen literarischen Projektes.