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Stück über das Moskauer Künstlertheater
Zwei Theaterlegenden
von Eberhard Spreng

Der amerikanische Autor und Regisseur Richard Nelson wurde international bekannt mit seinem Stückzyklus „The Apple Family“, das historische Ereignisse der jüngeren amerikanischen Geschichte mit dem Schicksal einer Durchschnittsfamilie verband. Nun schrieb er ein Stück über Theaterikone Konstantin Stanislawski und die Tournee seines legendären Künstlertheaters in den USA 1923. Er inszeniert dies am Théâtre du Soleil und mit Ariane Mnouchkines berühmtem Ensemble.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 07.12.2023 → Beitrag hören

Foto: Théâtre du Soleil

Auf der von zwei einander gegenüber liegende Rängen einzusehenden Spielfläche sind lediglich zwei Tische, die zu einer langen Tafel zusammengestellt sind, und gut zehn Stühle stehen bereit. Das berühmte Ensemble des Moskauer Künstlertheaters um Konstantin Stanislawski ist auf Amerikatournee in Chicago und findet sich in seiner Unterbringung zu einem gemeinsamen Abendessen zusammen. Das ist Anlass für Gespräche über dieses und jedes, auch über den Stummfilmstar Rudolph Valentino.

„Ich habe Rudolph Valentino getroffen, es wäre ihm eine Ehre sie zu treffen, Konstantin Sergejewitsch, er bewundert sie, würde gerne von ihnen lernen und liegt ihnen zu Füßen“, worauf der berühmte russische Theatermann spöttelt: „Was könnte er in dieser Position schon lernen?“

Das Gastspiel der Russen hatte Konsequenzen für die Schauspielarbeit in den USA und beeinflusste auch Schauspieler in Hollywood. Der Schauspiellehrer Lee Strasberg sah Stanislawskis Truppe, war von deren Spiel tief beeindruckt und ließ sich davon auch für sein Method Acting beeinflussen, das berühmte Stars wie Robert De Niro beherzigen. Aber nicht alle Amerikaner sind begeistert von der Anwesenheit der Russen. Manche halten sie für Bolschewisten; deshalb hat Kanada die Einreise verweigert, was die Fortsetzung der Tournee blockiert. Dabei wird das Künstlertheater mit seiner ganz offenkundig unpolitischen Haltung daheim, in der gerade frisch gegründeten Sowjetunion, immer mehr als bürgerlich abgelehnt. Will man nach dem Gastspiel überhaupt zurück, oder sein Leben im amerikanische Exil neu organisieren? Über dem vergnügten Plauderton der Aufführung schwebt eine dunkle geschichtsträchtige Wolke. Richard Nelson, selbst in Chicago geboren, verdichtet dieses Momentum zu einem Stück, in dem der amerikanische Tourneemanager die Truppe mit immer neuen Hiobsbotschaften erschüttert: Der Publikumsandrang schwächt sich ab. Der amerikanische Financier will mit dem Einnahmenüberschuss von Beginn der Amerikatourneedie sich nun anhäufenden Schulden begleichen. Die großen russischen Theaterkünstler drohen leer auszugehen. Während die Aktereurinnen und Akteure des Moskauer Künstlertheaters leckere Pelmenis verspeisen, lernen sie im Eilverfahren Details über amerikanischen Kapitalismus.

Foto: Théâtre du Soleil

Gespielt wird „Notre Vie dans l’Art“ von den nunmehr reifen Größen des Sonnentheaterensembles. Hélène Cinque spielt die ungemein empathische Tschechowwitwe Olga, Nirupama Nityanandan eine nicht mehr so leicht zu erschütternde Lebenspragmatikerin Nina, Georges Bigot, einst der legendäre Star in Ariane Mnouchkine Shakespeare-Zyklus, einen stillen Beobachter.

In “Notre Vie dans l’Art” schichten sich gleich mehre theatergeschichtliche Epochen in– und übereinander. Da spielt eine legendäre Truppe der 1980er und 90er Jahre ein berühmtes Ensemble vom Beginn der 20ten Jahrhunderts. Zu erleben ist eigentlich die Geburt des naturalistischen Spiels, das Meister Stanislawski, hier gespielt von Maurice Durozier, erläutert.

Wir sind Akteure, wir schauen und beobachten, wir betrachten, wie die Menschen ihr Leben leben, um es darzustellen. Jede Geste hat Bedeutung.“

Es geht auch Richard Nelson um die Komplexität des Lebens und nicht um eine klare Botschaft. Überall wird von Künstlern erwartet, dass sie sich politisch positionieren. „Notre vie dans l’art“ trotzt dieser Tendenz mit altmodischen Theatertugenden. Ursprünglich wollte Nelson sein Stück in Russland inszenieren, der Angriff auf die Ukraine hat all das zerschlagen. Aber offensichtliche Bezüge dazu will Richard Nelson nicht herstellen. Seine Inszenierung ist wie verschlossen in ihrer historischen Zeitlichkeit. Am Theâtre du Soleil können wir so eine Zeitreise erleben, ein Zusammentreffen lieber Menschen vor sich verdüsterndem historischen Hintergrund.