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Philippe Quesne inszeniert
Schönheit! Verdammt!
von Eberhard Spreng

Das Theater des französischen Regisseurs und Bühnenbildner Philippe Quesne bildet eine Schnittstelle zwischen bildender Kunst, Performance und Theater. Das sind Bühnenwelten, die als Ökosysteme für skurril-phantastische und humorvolle Performances fungieren. An der Berliner Volksbühne inszeniert er „Spooky Paradise“ in hochkarätiger Besetzung.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 02.05.2026 → Beitrag hören

Foto: Martin Argyroglo

Wie immer: eine Brache, eine Wüste, ein Niemandsland. Dichter Nebel liegt über der leeren Bühne, auf die ein paar verstörte Gestalten langsam hineinstolpern. Philippe Quesne beginnt auch die Inszenierung von „Spooky Paradise“ mit der Besiedlung einer verlassenen Welt durch eine Horde von Gestalten, die ihre besseren Tage schon hinter sich haben.

Zu seichter Unterhaltungsmusik wird ein Seil herbeigeschafft, alle müssen beim Tauziehen mitmachen und zerren von der Seitenbühne einen Schaufelbagger auf die Bühne. Mit dem könnte man etwas neues bauen, aber dieser Bagger stellt sich später, nachdem die Drehbühne in Bewegung kommt, als simple Stellwand heraus, als bloße Kulisse. Brillant, wie der regieführende Bühnenbildner hier mit dem Abbild spielt, mit der optischen Vor-Täuschung von Dreidimensionalität. Dann greifen Martin Wuttke und Katrin Angerer zu großen Steinen, die auf dem Boden verstreut liegen und werfen sie auf die Seitenbühne. Man hört Fensterscheiben klirrend zerbrechen.

Die nächste Täuschung ist fällig, wenn nun das Publikum beworfen wird und sich die Steine als ziemlich flott heranfliegende Schaumstoffimitationen erweisen. Aber dann wird es ernst. Ein Leichensack wird beiläufig auf der Hinterbühne entsorgt, später erfährt man vom Tod eines hochtalentierten Clowns.

“Let’s all drink to the death of a clown …”

Der berühmte Song von den Kinks gibt den ironisch-melancholischen Ton vor: Es geht hier um eine untergegangene Zirkuswelt, die noch einmal zum Leben erweckt werden soll. Großartig ist, wenn Martin Wuttke einen alten gebrechlichen Rockstar performt, der nicht mehr allein laufen kann, dem man eine Fluppe in den Mund schiebt und eine E-Gitarre in den Arm legt, auf der aber andere die Akkorde greifen müssen. Toll auch, wenn eine gewaltige, viele Meter große Stofftarantel aufgeblasen wird und im Stil früherer B-movies eine komisch überzeichnete Szene gedreht wird, die an einschlägige Horror-Filme wie „Tarantula“ von 1955 erinnert.

Foto: Martin Argyroglo

Kamera und Tonangel werden herumgetragen, offensichtlich soll das bunte Bühnengeschehen in irgendeinen Film münden, dessen Story man sich allerdings nur schwerlich ausmalen kann.

„Was soll das sein? Etwas, was im Grunde keinen Titel braucht, keine Geschichte, keine Erzählung, keine Personen u.s.w.. Ich habe so eine Art Libretto geschrieben.“

Das sagt Martin Wuttke schon zu Beginn einer ganzen Serie grell kostümierter, sangesfreudiger und mit spielerischem Elan auf höchstem Niveau performter Showbiz-Häppchen, die allesamt in Jämmerlichkeit und Vergeblichkeit münden. Bis Marie Rosa Tiedjen in heroischem Alleingang ein gewaltiges Gerüst hereinschafft, auf dem ganz old-school eine Glühlampenleuchtschrift angebracht ist, auf wackliger Leiter einen fehlenden Buchstaben anbringt und sich heftigst am Stromschlag die Hände verbrennt, um die Schrift zum Leuchten zu bringen. Und warum das Ganze?

„Jetzt kommt endlich Schönheit! Schönheit!! Verdammt!!!“

Foto: Martin Argyroglo

Das ist ein Kampf für einen Moment des Zaubers, in dem der American Dream noch einmal aufscheint. Dieses leuchtende Gerüst erzählt viel von der wehmütigen Erinnerung an eine Zeit, als die Traumfabriken noch intakt und ihre ikonischen Bildwelten noch nicht portmodern zerlegt und zerschlagen waren. Philippe Quesne ist auch hier wieder ein Meister darin, den Wechsel der Bildkulturen erfahrbar zu machen. Zu sehen ist das Theater einer alternden Müdigkeitsgesellschaft, die vor allem die Strapaze und Qual beim Herstellen von Showeffekten vorführt. Aber dann kommen mit Texten von Franz Kafka bis Antonin Artaud, poetische und gescheite Gedankenfetzen ins Spiel. Wiewohl kraftlos dahergesprochen und so als akustisches Material präsentiert, stört diese Sprache die schöne Rätselhaftigkeit der Bilder und den naiven Reiz der Performance. Fluch der Sinnproduktion: Das Publikum kann gar nicht anders, als nun in der Sprache nach Begründungen zu suchen für das Geheimnis der Bilder. Plötzlich fragt man sich: Worauf will der Abend hinaus und findet die Antwort nicht. Gleichwohl: Nach dem wunderschönen „Vampire Mountain“ in Hamburg im letzten Oktober legt der französische Regisseur mit „Spooky Paradise“ eine weitere Arbeit vor, deren poetischer Bilder einladen zum Meditieren über kulturelle Chiffren der Vergangenheit.