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Frauen an der Front
Emanzipation unter Feuer
von Eberhard Spreng

Die polnische Regisseurin Magda Szpecht dokumentiert mit „She stands in the middle of the battlefield“ die Erfahrungen einer Künstlerin, die freiwillig in der ukrainischen Armee kämpft. Am anschließenden Podiumsgespräch nahm auch die ukrainische Autorin Kateryna Mishchenko teil.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 25.02.2026 → Beitrag hören

aus Magda Szpechts: „She stands in the middle of the battlefield“.

Einige Perkussionsinstrumente, eine kleine Spielzeugdrohne, eine Performerin und hinter ihr eine Videoleinwand. Auf der ist eine junge Frau zu sehen, die durch Wälder streift, unter Betonbrücken ausharrt, mit einem Armeerucksack hantiert. Sie repräsentiert symbolisch Lastivka, eine junge Theatermacherin, die freiwillig in der ukrainischen Armee dient.

„Wer Fragen stellt, arbeitet mehr und schläft weniger! Zeige nie Schwäche! Wenn du als Frau im Militär Erfolg haben willst, dann musst du besser sein als ein Mann. Stehe nicht, wenn du sitzen kannst, sitze nicht, wenn du liegen kannst, bleibe nicht wach, wenn Du schlafen kannst!“

Lastivka ist bei ihrem Eintritt in die Armee in eine miese Einheit geraten, mit einem Kommandanten, der die Ideen der klugen Frau mit sinnloser Gewalt beantwortet – ganz so wie es in der Sowjetarmee einst üblich war. Erst später gelingt ihr die Versetzung in eine andere Einheit und der Aufstieg in der Armee.

Ganz anders als mit krassen Videos von der Front, die in sozialen Netzwerken die Runde machen, sucht die Performance „She stands in the middle of the battlefield“ nach unspektakulären Wegen, vom Kampf innerhalb des Kampfes zu erzählen, von einer Emanzipation unter Beschuss. Die ukrainische Schriftstellerin Kateryna Mishchenko beim anschließenden Podiumsgespräch.

„Die Performance ist ein Beispiel dafür, wie die heutige Ukraine funktioniert. Dort gibt es noch diese Inseln dieses sowjetischen, gewalttätigen und brutalen Irrsinns, also alles, was wir hinter uns lassen wollen. Und daneben gibt es progressive Inseln mit europäischen, demokratischen Werten.“

Kateryna Mishchenko blickt auch noch einmal zurück auf die Zeit vor dem Euromaidan, der russischen Invasion der Krim und den Angriff auf den Donbas von 2014.

„Die Armee war der Grund, warum sich so viele Männer vor etwa 15 Jahren weigerten zu dienen. Mit Bestechung oder auf anderen Wegen dem Wehrdienst zu entgehen, war völlig normal. Es wurde auch als Akt des Widerstandes verstanden. Deshalb war die Ukraine zunächst auch gar nicht auf die russische Invasion vorbereitet.“

Der Abend im Hebbel am Ufer entfaltet ein in sich widersprüchliches Bild einer Gesellschaft in Uniform, deren Rollenbilder sich in vier Jahren Krieg wandeln. Die übergroße Mehrheit in der Armee sind heute ehemalige Zivilisten, darunter Maidan-Aktivistinnen und Aktivisten. Zahllose Künstlerinnen und Künstler starben bereits an der Front. Über die Rolle des Theaters auf einem Kontinent unter russischer Bedrohung sagt die polnische Regisseurin Magda Szpecht.

„In einer Welt der Propaganda, Desinformation, Trolling, Hate-speech, Polarisierung und andere Formen des hybriden Krieges ist es unsere Aufgabe, zu bezeugen, niederzuschreiben und zu archivieren, was in der Ukraine passiert. Denn Russland tut alles, um seine Kriegsverbrechen zu verschleiern. Es produziert dauernd verschiedene Versionen ein und desselben Ereignisses, damit die Menschen sich an die Idee gewöhnen, so etwas wie Wahrheit existiere sowieso nicht. Paradoxerweise muss das Theaters jetzt zum Wahrheitslabor werden, das uns zeigt, wie wir uns in postfaktischen Zeiten orientieren können.“

Das ist die historische und zivilisationsgeschichtliche Dimension der Ukraine-Unterstützung. Auch Kateryna Mishchenko geht es darum, dass der Westen nicht auch noch der Gewalt verfällt.

„Der große Schatten des Faschismus, der heute über die Ukraine fällt, bewegt sich nach Westen weiter. Das ist ein Momentum, das wir stoppen müssen. Wenn wir uns das aus der Ferne anschauen – wie einen apokalyptischen Film, der in der Ukraine spielt – dann haben wir das Rendez-vous mit der Geschichte verpasst, es findet hier und jetzt statt.“

Der Kampf um Gleichberechtigung von Lastivka und all der anderen Frauen innerhalb der ukrainische Armee ist ein Testfall für Emanzipationsprozesse. Er hat auch Beispielcharakter für das westliche Europa.