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Julien Gosselin inszeniert „Le Passé“
Willkommen im Theater des Todes
von Eberhard Spreng

In gewaltigen multimedialen Inszenierungen hat Julien Gosselin z.B. mit Roberto Bolaño und Don DeLillo unsere multiple Gegenwart erkundet. Jetzt geht er zurück in die Vergangenheit. Zwei Stücke und drei Erzählungen des Russen Leonid Andrejew hat er zum theatralen Themenabend „Le Passé“ kollagiert.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 03.12.2021 → Beitrag hören

Foto: Julien Gosselin

Vierzig Kerzen stehen am vorderen Bühnenrand aufgereiht. Dahinter flackert ein Kaminfeuer. In warmen Sepiatönen dämmert ein reich ausgestattetes russisches Interieur vor sich hin, Teppiche, Mobiliar, Menschen in Kostümen der vorletzten Jahrhundertwende. Julien Gosselin platziert sein Theater in einer untergegangenen Welt: Da beschuldigt ein Abgeordneter der Staatsduma seine Frau Jekaterina Iwanowna der Untreue, schießt dreimal auf sie. Das Theaterstück „Jekaterina Iwanowna“ bildet das Herzstück in einem theatralen Themenabend um den vergessenen russischen Autor Leonid Andrejew, dem Anti-Zaristen und Anti-Bolschewiken, der im Schatten Gorkis und Tschechows seinen Platz im Kanon der russischen Klassiker nicht gefunden hat. Wie immer erweist sich der junge Regisseur in seiner weit ausspannenden Arbeit als ein Meister im symbolischen Aufladen anekdotischer Details und als ein Meister der filmischen Schauspielführung: Von einigen Videokameras nah begleitet, entspannt sich auf der großen Leinwand über dem Dekor ein aufregend präzises Kammerspieltheater, voller wunderschöner Bildkompositionen und liebevoll platzierter Requisiten. Gosselin ist aber auch ein melodramatischer Gesamtkunstwerker, der dem Spiel immer einen opulenten Soundtrack hinzufügt.

„Bin ich zu allem fähig?“ fragt sich die des Ehebruchs beschuldigte Jekaterina. Die großartige Victoria Quesnel spielt eine Titelfigur, die zunächst fälschlich des Ehebruchs angeklagt, dann in der Folge doch genau das tut, was man ihr zur Last legte. Am Ende verwandelt sie sich in einer Art seelischer Höllenfahrt zu einer Aussätzigen und Ausgestoßenen, zu einer Teufelsbesessenen und Salome-Wiedergängerin. Eine solch diabolische Schauspielerin sah man im europäischer Theater lange nicht mehr. Bevor das geschieht, will Gosselin mit Andrejew aber auch noch viel anderes erkunden. Die Erzählungen „Im Nebel“, „Der Abgrund“ und „Die Auferstehung der Toten“ flankieren, kommentieren, bereichern einige der Motive der zentralen Handlung um den seelischen und moralischen Untergang. Und sie tun dies mit je unterschiedlichen theatralen Mittel bis hin zum expressionistischen Puppenspiel. Vor allem aber das symbolistische Kurzdrama „Requiem“ bildet den Kern von Gosselins Reflexionen über ein Theater des Weltenendes.

„Nieder mit der Philosophie, es lebe die Kunst um ihrer selbst Willen“ sagt da eine verfremdete Stimme aus dem Off. Sie gehört einem Künstler, der ein ganzes Publikum aus lebensnahen Holzfiguren geschaffen hat, das er nun dem Theaterregisseur vorführt. Der gelehrte Dialog um Theater, Farbe, Sichtbarkeit und letzte Dinge wird abgelöst vom Gespräch eines Theaterdirektors mit einer maskierten allegorischen Figur namens „Sa Clarté“. Diese „Klarheit“, an der das theatrale Machwerk des Künstlers natürlich scheitern muss, könnte der Tod sein oder der Herrgott selbst. All das hören wir nur im nebligen Dunkel, durch den sich die Übertitelung der Worte ihre Leuchtspur auf die Leinwand sucht. Wir imaginieren also selbst das Theater des Todes, von dem hier die Rede ist. Auf jeden Fall spiegelt Gosselin mit dieser Allegorie vom Publikum der Toten die Haupthandlung um das Ende einer Epoche und seiner Figuren auf der Bühne.

Das Ende des Theaters, von dem derzeit in Frankreich immer mal in Debatten die Rede ist und der Gedanke vom Ende unserer Zivilisation, der zum Must-Have des abendländischen Bewusstseins geworden ist, beides soll sich in diesem Brennglas einer vergangenen Zeit gegenseitig beleuchten. Das ist des Guten zuviel: Julien Gosselin, dieser barocke Erkunder literarischer Weltgemälde will allen Ernstes und mit all seiner großen Kunst einem letztlich konservativen Moralisten der vorletzten Jahrhundertwende aufbürden, uns Endzeitlern aus großer historischer Distanz den Spiegel vorzuhalten. Das Ganze nennt sich schließlich „Le Passé“, weil der Regisseur hier nicht wie alle anderen auf Aktualisierung aus ist, also darauf, das Stück aus der Vergangene in die Gegenwart zu zerren, sondern es als wirklich Vergangenes in die Ferne zu rücken. Es soll, weil es ein Theater der Gestorbenen ist, als Menetekel in unser Sterben hineinleuchten. An so viel Anspruch kann man mit Andrejew eigentlich nur scheitern, aber dieses Scheitern ist grandios und sehenswert.