Stück nach Maxim Gorki
Abrechnung im Fegefeuer
von Eberhard Spreng
Deutschlandfunk, Kultur Heute, 23.02.2026 → Beitrag hören
Noch ganz unter dem Eindruck des Petersburger Blutsonntags, bei dem die Revolution von 1905 brutal niedergeschlagen wurde, schrieb Maxim Gorki sein Theaterstück „Kinder der Sonne“. Für das Berliner Ensemble machte sich der Autor Jakob Nolte an eine Nachdichtung und übertrug die Figuren des Stücks in eine zeitgenössische Themenwelt.

Die gesamte Bühne mit ihren im Raum verteilten Lampenmasten ist mit einer einzigen schimmernd schwarzen Oberfläche überzogen. In Weiß sieht man solche Arrangements immer wieder als schicke Schaufensterdekorationen für die Winterkollektion. Hier aber soll das für einen Ort stehen, der das Fegefeuer hinter sich hat. Allerdings stehen da auch einige Tischchen und Stapelstühle herum und auf einem räkelt sich Paul Fürst, Dozent der Literaturwissenschaft, während Handwerker Roman Gauner einen Deckenventilator reparieren soll. Gauner wird verdächtigt, er könnte dem radikal rechten Gedankengut verfallen sein.
– „Wie kommen Sie drauf?
– Ich weiß es nicht, es ist nur…
– Sie dachten: kann ja sein. Der Herr Gauner mit seinem Berufsschulabschluss, wie soll der Herr Gauner auch gegen die Propagandamaschine der Rechten ankommen? Wahrscheinlich ist der frustriert, weil auf dem Land so wenige Busse fahren und man keine Arzttermine bekommt. Wird er wohl angefangen haben, Ausländer zu hassen und auf demokratiefeindliche Links zu klicken. Wobei es eigentlich um seine Sorge geht, abgehängt zu werden.“
Gorkis „Kinder der Sonne“ erzählt von einer weltfremden Oberschicht, die sich vor dem Hintergrund einer Cholera-Epidemie von der einfachen Bevölkerung entfremdet hat und in ihrem Elfenbeinturm verschrobenen Wissenschafts- und Kulturideen nachhängt. Auf der Bühne des Berliner Ensembles sind von den Figuren von 1905 allenfalls Karikaturen geblieben, die in einem überdeutlichen Boulevardspiel ihre Beziehungsproblemchen illustrieren und derweil über alle gängigen Modethemen schwadronieren: Rechtruck, Klimakatastrophe, Remilitarisierung:
„16-Jährige werden mit Maschinenpistolen an den Grenzen stehen. Massengräber. Leichenberge. Zerstörte Körper. Die Jahrzehnte des Friedens sind vorbei. Frauen verdienen immer noch weniger Geld als Männer und jetzt hebt die Bundesregierung den Rüstungsetat auf 5%. Spürst du nicht, dass da etwas kaputt gegangen ist?“
Das sagt die unrettbar pessimistische Schwester des Literaturdozenten, die in dem heillos koketten Grüppchen eine Art Kassandra verkörpert und einen zivilisatorischen Niedergang prophezeit, den Daniel Roskamps verkohlte Bühne in ihrem postapokalyptischen Schwarz ja schon vorwegnimmt. Gorki war mit den „Kindern der Sonne“ der gemeinsamen Idee mit Dichterfreund Leonid Andrejew gefolgt, ein „astronomisches Schauspiel“ zu verfassen, bevölkert von kosmischen Menschen. Auch wenn sie scheitern, sind Gorkis Figuren tatsächlich mit den Füßen im Morast ihrer Begierden und mit dem Kopf in den Sternen ihrer Illusionen. Was ihnen fehlt ist revolutionäres Bewusstsein. In der Nachdichtung am Berliner Ensemble ist jede Hoffnung vorbei. Hier regiert ein kruder Kapitalismus über die Verhältnisse zwischen den Menschen. Beziehungen zerbrechen am Geld, dem intellektuellen Mittelstand wird die Wohnung gekündigt; der Vermieter macht aus seiner Abscheu für seine langjährigen Mieter keinen Hehl.
„Es sind Intellektuelle. Schäbige, selbstgerechte Intellektuelle, die unser Land kaputt machen. Fordern zu Nächstenliebe und Miteinander auf, denken aber zuallererst an sich selbst. / Nicht das Gehirn unserer Nation sind sie, sondern ihr Arschloch. Ehrliche Arbeiter wie dich halten sie davon ab, den sozialen Aufstieg zu machen.“
Oliver Kraushaar spielt diesen Vermieter als anbiedernden Kumpel, der seinen Triumph über die mittlerweile verarmte Kulturelite sadistisch auskostet. Auch Gorkis Dienstmädchen, hier Au-Pair, prahlt zum Abschluss mit ihrem Reichtum, der auch auf Aktienpaketen in Rüstungsfirmen beruht. Ein Künstler offenbart sich als Tech-Faschist; die Unterschicht trägt den Sieg davon; die Figuren streifen ihre kulturell eingefärbten Masken ab und offenbaren einen kruden Wesenskern, der besser zu aktuellen Denkmoden passt, als ein verbrauchter Humanismus.

Eine Screwball-Komödie, ein Unterhaltungsgenre der amerikanischen 1930er- und 40er Jahre, wolle diese Nachdichtung der „Kinder der Sonne“ sein, so heißt es im Programmheft, und tatsächlich gibt es einen Moment, in dem man diesem Genre auch musikalisch nahekommt. Mit Whitney Houstons “I know him so well“. Bettina Hoppe und Pauline Knof machen hörbar, was dieses Unterhaltungsstück vielleicht besser hätte werden sollen: Die Vorlage für ein Musical über den Untergang der Intelligenzija und das Ende ihrer Träume.