Ingo-Schulze-Roman-Peter-Holtz-im-Dresdener-Staatsschauspiel

Geldkritik auf der Bühne
Der Kommutalist
von Eberhard Spreng

Fast 600 Seiten umfasst Ingo Schulzes Wenderoman „Peter Holtz – sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“. Eine Chronik von 1974 bis 1998 um einen an Ideale glaubenden Titelhelden, der wider Willen zu Unmengen von Geld kommt und sich fragt, wie er es wieder los wird. In Dresden hat das Friederike Heller auf die Bühne gebracht.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 08.02.2020 → Beitrag hören
Deutschlandfunk Kultur, Fazit – 07.02.2020

Peter Holtz wie erschlagen von seinem ehemaligen Ideal

Foto: Sebastian Hoppe

Ein Mann liegt nackt auf einer sanft nach hinten ansteigenden Bühne. Ein Psychiatriepatient, geplagt von Erinnerungen. Er sei der erste ökonomische Gefangene, sagt er, eingesperrt, weil er sein Geld verbrannt hat. Peter Holtz ist ein Feind der Geldwirtschaft und das hat er schon 1974 in der damaligen DDR deutlich gemacht, wo er in einem Ausflugslokal essen war, ohne zu bezahlen. Als Waise im Kinderheim Käthe Kollwitz sei die Gesellschaft für ihn zuständig, denkt er unumwunden, auch wenn die Bedienung das etwas anders sieht.
–    „Warum sollte mir denn die Gesellschaft das Geld erst aushändigen, wenn dieses Geld über kurz oder lang wieder bei der Gesellschaft landet?
–    Wo landet das Geld ?
–    Bei der Gesellschaft.
–    Sag mal, bei dir piept’s ja wohl.“

Peter Holtz ist ein idealistischer Fundamentalkommunist und bleibt seinen Überzeugungen treu, egal unter welchen Umständen. Das führt zu allerlei lustigen Verwicklungen. Die Stasi wird Jahre später auf den jungen Mann aufmerksam und will ihn als IM rekrutieren, aber Peter Holtz ist darauf so stolz, dass er das gleich allen seinen Freunden erzählt, was den stramm in Hütchen und Trench beziehungsweise hochgeschlossenem Kleid bekleideten Stasimann und Stasifrau nicht behagt. Stimmbrüchig hatte der Kommunist zuvor das Agitationslied „Sag mir, wo du stehst“ gegrölt und dabei unbeabsichtigt den der Obrigkeit suspekten DDR-Punk erfunden:
–    „Sag mir, wo du stehst
Und welchen Weg du gehst.“

Musik-Freund Holger tritt mit Vokuhila-Frisur auf, mit Kostümen und Kopfputz deuten Friederike Heller und Ausstatterin Sabine Kohlstedt DDR-Seinszustände an, in denen der Don-Quixoteske Held eine erstaunliche Karriere hinlegt. Geradezu hibbelig agil spielt ihn Moritz Kienemann. Zu seinem Kommunismus gesellt sich nun der christliche Glauben. Die CDU-Blockparteiwird auf ihn aufmerksam und holt ihn in die Politik. Noch hängt über dem Ganzen, wie eine große Verheißung, ein gewaltiger roter Ballon mit DDR-Emblem. Als in der figuren- und situationsreichen Chronik dann allerdings das Ende des Jahre 1989 erreicht wird, fällt das runde Ding auf die Bühne, überrollt den Protagonisten und stürzt ihn ins Koma. Das entscheidende halbe Jahr der Wende verbringt er in Bewusstlosigkeit, wird aber als Eigentümer von zuvor wertlosen DDR-Immobilien quasi über Nacht zum Multimillionär. Und nach seinem Erwachen wandelt er seine unbedingte DDR-Affirmation in eine euphorische Kapitalismus-Bejahung. Durch ihn soll nun der Weg in den Kommunismus führen.
–    „Der Kommunismus, der führt eben nicht, wie wir gedacht haben, über den Sozialismus, sondern ein bisschen länger als gedacht über den Kapitalismus.
–    Wundert mich nicht, dass du so denkst. Wie viele Häuser hast du denn jetzt?“

Die Akteure wie in der Krabbelecke

Foto: Sebastian Hoppe

Zahllose kleine Plastikbälle werden nun wie aus einem großen Füllhorn auf die Bühne geschüttet. Schwarz-rot-gelb leuchten sie, der BRD-Teil der Inszenierung sieht aus wie die Spielecke eines schwedischen Möbelhauses. Wo Ingo Schulze seinem Protagonisten auch in seinem kapitalistischen Lebensabschnitt immer noch Handlungsmöglichkeiten und  Spielräume fürs Experimentieren mit seinen lebensfremden Theorien einräumt, verwandelt Friederike Heller seine Biographie in eine Passion: Er stopft sich immer mehr von diesen das Geld symbolisierenden Bällen in Hemd und Hose, wird dick und bewegungslos, wälzt sich wie ein Wurm auf dem Boden, die Menschen wenden sich von ihm ab. Geld wird zum Leidensweg und führt in die Einsamkeit.

Ingo Schulze hat mit seinem populären Schelmenroman gezeigt, dass der Kapitalismus keine natürliche Gesellschaftsform ist. Sein Sittengemälde hilft aber kaum fürs Verstehen der aktuellen deutsch-deutschen Rissbildungen. Zu den sozialen, mentalen und digitalen Reservaten, Milieus und Blasen des 21. Jahrhunderts sagt er wenig. Bei Friederike Heller ist aus der facettenreichen Ereignisfläche dieser Literatur ein geradezu programmatisches Theater geworden, mit plakativem Spiel und derber Zeichnung. In diese Figuren kann man sich kaum hineinversetzen. Wo die Literatur ihre Figuren immerhin zu Heroen der Zeitgeschichte machte, degradiert das Theater sie wieder zu kruden Beweismitteln einer zu einfach gedachten Botschaft: „Money can’t by my love“.