Falk-Richter-inszeniert-Edouard-Louis-Die-Freiheit-einer-Frau

Édouard Louis am Hamburger Schauspielhaus
Porträt der Mutter
von Eberhard Spreng

Édouard Louis ist nun schon seit einigen Jahren der Shooting Star einer sozialkritischen, auf biografische Studien angelegten Literatur. In „Die Freiheit einer Frau“ erzählt er von der Lebensgeschichte seiner Mutter. Das hat Falk Richter nun am Hamburger Schauspielhaus auf die Bühne gebracht.

Foto: Denis “Kooné” Kuhnert

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 06.03.2022 → Beitrag hören

„Alles hat mit einem Foto angefangen, ich wusste nicht, dass es dieses Bild gab. Dieses Foto hat meine Mutter mit ungefähr zwanzig gemacht. Alles auf diesem Foto erzeugt den Eindruck von Freiheit.“

Der junge Paul Behren steht auf der Vorderbühne und denkt über seine Mutter nach: Er spielt die Rolle des Autors Édouard Louis, der sich, lange nachdem er sich von seiner Arbeiterfamilie losgesagt hatte, an seine Mutter erinnert. Er ist selbst also auch handelnde Figur in diesem autobiografischen Theater. Aber er spielt den ganzen Abend, als wäre er der Conférencier einer Show, in der es um Menschen geht, die ihn nur am Rande berühren. Es ist die Geschichte einer doppelten Emanzipation: Zuerst rettet sich der ob seiner Homosexualität in Familie und Schule diffamierte Sohn in die Provinzhauptstadt und dann nach Paris. Jahre später löst sich die vom Vater gequälte Mutter und fängt ebenfalls in Paris ein neues Leben an. Zwei Zeiträume in doppelter Besetzung der Mutter. Die ältere spielt Eva Mattes. Sie erinnert sich an den unerträglichen Mann.

„Der schlief mit anderen Frauen, der belog mich, der trank immer mehr. Am manchen Tagen wachte der morgens auf und war schon betrunken, bevor der überhaupt nur ein Tropfen getrunken hatte. Der Körper war nicht mehr ohne Alkohol: Die Hände zitterten, sein ganze Körper zitterte, der war nur noch besoffen, da bin ich weg!“

Falk Richter hat mit vielen bunt bemaltem Dekorelementen eine Varietébühne errichtet, mit einem kleinen Podest in der Mitte und einem Bandstand am rechten Rand. Links steht ein kleiner vergoldeter Triumphbogen mit der Aufschrift „Metamorphose“ und über den Raum verteilt sind Videoleinwände insbesondere fürs Reenacten traumatischer Familienerinnerungen. Die finden regelmäßig, per Video übertragen, in einem Raum neben der Bühne statt. Aber der ähnelt im Bühnenbild von Katrin Hoffmann eher einer entlegene Trapperhütte als einem französischen Malocherhaushalt. Um Realismus geht es in dieser Theaterfassung also nicht, nicht um Versuche, die depressive nordfranzösische Stimmung einzufangen, wie Thomas Ostermeier es an der Schaubühne für das andere Familienstück von Édouard Louis tat, oder um ein vehementes „J’accuse“, eine rhetorisch aufgepowerten politische Anklage in einer anderen Realisation. Hier passt noch jede Unterschichtsbrutalität, jeder Streit ins kurzweilige Entertainmentformat. Und der Motor für diese „Freiheit einer Frau“ und ihre Metamorphose kommt nicht aus der psychologischen Logik der bestenfalls illustrierenden Spielszenen, sondern aus dem Sound der Girlsband am Bühnenrand.

Foto: Denis “Kooné” Kuhnert

Ohne Scheu vor üppigem Kitsch inszeniert Falk Richter den einzigen frühen Versuch der Mutter, aus Rollenerwartungen auszubrechen. Dieses eine Mal, als sich die Unterschichtshausfrau mit Alkohol und Musik einen schönen Abend macht: Da schwebt Josephine Israel als Schmetterling, als Fabelwesen mit großen Flügeln vom Bühnenboden herab. Beschimpft ob dieses Verhaltens wird sie auch von Sohn Eddy, der als Kind noch nicht wusste, wie sehr er selbst auch Teil einer familiären Unterdrückungslogik war. Von Nina Hagens „Unbeschreiblich weiblich“ über die Punknummer „Rebel Girl“ von Bikini Kill und eigenen Songs rockt die Band um Bernadette La Hengst mit Frauenpower durch die Befreiungsrevue. Sie hilft damit einem Theaterabend auf, der sein ernstes Thema ansonsten in völliger Belanglosigkeit verplaudert. Ein Beispiel dafür ist die fiktive Fernsehsendung mit dem nunmehr erfolgreichen Arbeiterautor Édouard Louis, der einem schnöseligen Moderator seine Literatur erläutert:

„Ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu erklären, um das Leben meiner Mutter zu verstehen. Ich will verstehen, warum Menschen, die aus einer gesellschaftliche Schicht kommen, die keinerlei Rückhalt durch die Politik erfährt, so oft gegen sich selbst und die eigenen Interessen handeln.“

An Fragen wie dieser, auf die der Autor auch heute noch in sensiblen Autobiografien und literarischen Familienporträts Antworten sucht, scheint Falk Richter kaum interessiert. Er inszeniert, was ihm mit Pop, Kitsch und Showbiz zu unerfüllten Lebenssehnsüchten gerade so einfällt. Da erzählt der homosexuelle Regisseur aus einer wohlhabenden Schicht vom Leben eines homosexuellen Autors aus einer unterprivilegierten Schicht und verpasst das zentrale Motiv der Scham. Dieses das ganze Sein existentiell vergiftende Gefühl, nicht dazu zu gehören, nicht am richtigen Ort zu sein, nachdem man den sozialen Aufstieg gewagt hat. Dass dieser Theaterabend so sehr zur anekdotischen Nummernrevue zerfällt, liegt aber auch daran, dass Édouard Louis in seinem Büchlein über die Mutter eher brüchige Gedanken und Erinnerungssplitter kollagiert und den Erzählbogen anderer Arbeiten hier nicht zu spannen vermochte.