Ersan-Mondtag-inszeniert-am Berliner-Ensemble-Thomas-Koeck

Abrechnung mit Richard Wagner
Wohnküchentragödie im Mythenwald
von Eberhard Spreng

Vielfach ausgezeichnet ist der 1986 geborenen österreichische Autor und Dramatiker Thomas Köck. Seine Nibelungen-Überschreibung hat einen eigenwilligen, programmatischen Titel: „wagner – der ring des nibelungen (a piece like fresh choppes eschenwood)“. Am Berliner Ensemble hat das Ersan Mondtag inszeniert.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 04.06.2021 → Beitrag hören

Foto: Birgit Hupfeld

Eine Küche wie in der bürgerlichen Tragödie. Ein Tisch mit zwei Stühlen, Blümchentapete, ein Kühlschrank, ein vor sich hin dampfender Herd. Gemütlich und herzenskalt zugleich, heimelig und unheimlich. Vor allem ist all das riesig, zehn Nummern zu groß für die Menschen, die hier wie Zwerge umherpurzeln, auf meterhohe Stühle klettern, im Kühlschrank verschwinden und aus der Spüle auftauchen. Wie die Rheintöchter zum Beispiel, die in dieser Wagnerüberschreibung eine ironische Version des Naturzustandes illustrieren.

„…das wasser da das gold hier der nackte busen junger frauen planschend im naturzustand als würd die welt so daliegen im mythos.“

Thomas Köck hat die Ring-Tetralogie überschrieben. Er lässt zwar immer wieder mal Spuren des mythentrunkenen Stoffes durchscheinen, folgt auch seiner vierteiligen Gliederung. Aber die Denkrichtung seiner Wagner-Generalabrechnung ist im Plot schon erkennbar: Siegfried, Brünnhilde, Sieglinde und Siegmund sind Patientinnen und Patienten in der Psychiatrie. Siegfried soll lobotomiert werden, um jede Erinnerung an sexuellen Missbrauch in der Kindheit auszulöschen. Wotan ist Oberarzt, Hagen der Anstaltmanager, Die Riesen Fasolt und Fafner Pflegerinnen. Wotan, dieser Herrscher, der seinen eigenen Regeln nicht folgen kann, dieses scheiternde Zivilisationsprojekt, ist hier, crossgender, mit Corinna Kirchhoff besetzt.

– „nur durch verträge nur wodurch wir uns an uns hier binden an die erzählung hier von uns an diesen mythos nur die verträge was steht hier in dem papier lobotomie aber zuerst elektroschock der strom kann kommen“
– kein strom kein schlag kein nichts kein gott nur der vertrag zählt. wir fordern unsern lohn für unsere pflegearbeit die care arbeit die wir hier leisten fürs schimmernd hehre weiße geschlecht“

Fasolt fordert den Lohn für die Pflegearbeit und man dabei darf ruhig an Corona denken. Und statt Walhalla ist das Stadtschloss errichtet worden und Wilhelm der Zweite soll auftreten und sich in Die-Deutsche-Geschichte verwandeln. Das alles behauptet der Text aber nichts davon zeigt Ersan Mondtags Aufführung. Er zeigt Freaks, zusammengepixelt aus dem Horrorfilmgenre, aus Pop-Versatzstücken und dem Märchentheaterfundus. Der Ausdruck expressionistisch, die Pose krass. Aber es ist nicht zu erfahren, wie aus dem Rheingold Kapitalismus – inklusive Antisemitismus und Umweltzerstörung – wird. Auch nicht wie aus dem Mythos ein Verbrechen wird, und wie das mit Missbrauch und dem Geschlechterverhältnis zusammenhängt und wie letztlich aus dem Traum vom Naturzustand eine toxische Nationalideologie wird.

Wahnsinn oder Phantasy?

Ein nicht endender Diskursbrei quillt von der Bühne und der ist auch nach eingekürzten viereinhalb Stunden immer noch nicht weiter, als er am Anfang schon war. Mythos, Gold, Schuld, Verbrechen leitmotivisch wiederholt. Während dessen entfaltet die Inszenierung einen schrill-komischen Bilderzauber, der sich auf die Leitmetapher Psychiatrie gar nicht einlassen will. So als hätte das Rendez-Vous von Stück und Regie nie so richtig stattgefunden, will ersteres Wahnsinn und letztere Phantasy. Da aber in der Phantasy jeder Wahnsinn schmerzfrei Raum findet, tut es nirgends richtig weh. Bleibt also die Performance: Corinna Kirchhoff als Wotan und Wolfgang Michael als eine ihre ewige Weisheiten in die Welt brabbelnde Erda machen Freude. Paul Zichner als Opfer Siegfried auf dem Weg von irrer Verzückung zur Rache mit dem Schwert in der Hand. Vor allem aber trägt Stephanie Reinsperger als Brünnhilde den zweiten Teil des Abends.

„schulden seh ich nichts sonst auf denen wurde all das hier errichtet auf schulden die keiner mehr unter kontrolle hat ganz genau wie hier mit diesem Mythos keiner weiß wer ihn eingeladen hat von woher der kommt dieser einsame Wanderer einmal hereingebeten beisst der sich fest hier überall“

Ganz am Ende brennt die Bude ab. Das geschieht, nachdem Erda Wotan vergeblich aufgefordert hatte, einfach zu verschwinden und damit seine psychiatrische Anstalt und so darf man ergänzen: Der Kapitalismus und dieses ganze rheingoldbetriebene Umweltzerstörungswerk. In der verrauchten Küchenruine hauchen die Nornen den Abgesang auf Germany und die freien Märkte und den Mythos und den Ring. Aber, anders als der Titel verspricht, hinterlässt das keinen Geruch von frisch gehacktem Eschenholz.