Christiane-Jatahy-inszeniert-Hamlet-am-Theatre-de-l-Odeon

Feministisches Klassikertheater
Aus der Traum
von Eberhard Spreng

Feministisch geprägte Auseinandersetzungen mit großen Bühnen-Klassikern prägen die Regiearbeit der in Brasilien geborenen Christiane Jatahy. Nun inszeniert sie Shakespeares „Hamlet“ am Odéon-Théâtre de l’Europe, dem sie als assoziierte Künstlerin verbunden ist.

Foto: Simon Gosselin

Deutschlandfunk, Kultur Heute 07.03.2023 → Beitrag hören

Das Gesicht eines Mannes erscheint auf einem halbdurchsichtigen Gaze-Vorhang auf der Vorderbühne. Weil er sich dem Objektiv der Kamera nähert, wird er zu einer riesigen Form vergrößert. Es ist der Geist von Hamlets ermordeten Vater.

Wie unzählige zeitgenössische Regisseurinnen und Regisseure verschränkt Christane Jatahy Videoprojektionen mit körperlichem Bühnenspiel. In anderen Inszenierungen übernimmt das virtuelle Bild dabei die Großaufnahme und das physische Bühnengeschehen die Totale, den Überblick. Was aber im ersten Teil von Jatahys Hamlet-Inszenierung geschieht, stellt die üblich gewordenen Bild im Bild-Routinen in den Schatten. Denn hier sind Vision und Realität, Geschichte und Gegenwart, Traumbild und Wirklichkeit so kunstvoll ineinander verschränkt, dass das ganze Publikum mit Hamlet irre werden kann, an der Überlagerung der Eindrücke. Denn statt nur den Geist des Vaters auftreten zu lassen, mischt sich seine Welt ins Geschehen: Der ganze Hofstaat ist zu einer ausgelassenen Gartenparty versammelt. Deren Gäste sind in der Projektion nunmehr ebenso groß wie die physischen Akteurinnen und Akteure auf der Bühne. Und so lösen sich einzelne Figuren aus dem Bild und werden Wirklichkeit. Geschichte und Gegenwart, Erinnerungswelten und die aktuelle Situation gehen frei ineinander über; Tote und Lebende sind versammelt: Die ganze Bühne wird in den ersten Minuten der Aufführung zum kranken Gehirn der Titelfigur. Diesen großen Theater-Moment beendet der von Clothilde Hesme crossgender besetze Hamlet, indem er die Projektionsgaze zu Boden reißt. Aus der Traum, jetzt beginnt das klassische Hamlettheater mit seinen ganzen Mühen und Routinen.

Être ou ne pas être, c’est là la question …

Der legendäre Sein-oder-Nichtsein-Monolog an der Vorderbühne, vor einer schicken modernen Inneneinrichtung. Ein Dekor im David-Lynch-Stil: Rechts eine Küchenzeile, Esstisch und Sofas stehen bereit und ein großer Flachbildschirm, hinten eine gewaltige Glasfront für den Blick nach draußen: Wiederum als Videoprojektion: Wiese mit winterkahlen Bäumen. In der offensichtlich dysfunktionalen Familie von heute haben sich zahllose psychische Probleme angesammelt und fast alle konvergieren in Richtung Mutter Gertrude, die Christiane Jatahy neben Hamlet als eine zentrale Figur etabliert. Sie hat die Angewohnheit, mit populären Popsongs für eine erlogen gute Stimmung zu sorgen.

Christane Jatahy hat die weiblichen Rollen des Stückes massiv aufgewertet: Servane Ducorps spielt Mutter Gertrude und die beherrscht die neue Ehe mit Königsmörder Claudius, einem netten Jüngelchen. Ophelia ist als Frau in den Vierzigern keine naives Mädchen mehr, nicht mehr Inbegriff einer Opferfigur. Die portugiesische Schauspielerin Isabe Abreu spielt sie an der Seite des Landsmannes Tonan Quito, der den Vater Polonius verkörpert. Sohn Laertes gibt es ist in dieser Version nicht. Die beiden agieren aus einer postmigrantischen Randlage heraus in diesem reichen und neurotischen Haushalt: Ihr kleines Zimmer liegt am Bühnenrand hinter einem Raumteiler. Und Hamlet? Als übellaunigen Beatnik gibt ihn die groß gewachsene Filmschauspielerin Clotilde Hesme, die gerne ihr Handy zückt, um alle mal für Videobilder einzufangen, die auf den Flachbildschirm übertragen werden. Mit Mutter Gertrude prügelt sie sich regelrecht im Verlaufe eines Streitgespräches.

Für Momente ist es interessant, den Hamlet-Konflikt mit Gertrude als einen Mutter-Tochter-Konflikt zu inszenieren. Aber dies bleibt wie so vieles in dieser etwas mutwilligen Inszenierung ein unverbundenes Detail unter vielen. Christiane Jatahy verfolgte bereits zuvor eine feministische Überschreibung des patriarchalen Theatererbes. Sie hatte z.B. bei Tschechows „Drei Schwestern“ den Frauen Texte der männlichen Figuren in den Mund gelegt. Sie will grundsätzlich aus dem Reden über Frauen am Theater ein Reden der Frauen machen. Das verfängt nicht immer: Jatahys „Hamlet“ bleibt eine etwas bemühte und fahrige Aktualisierung des legendären Stoffes.