Benjanmin-Abel-Meirhaeghe-inszeniert-Death-Drive-an-der-Volksbuehne

Performance-Spektakel
Komm süßer Tod
von Eberhard Spreng

Der flämischen Kontertenors, Performer und Regisseurs Benjamin Abel Meirhaeghe inszeniert an der Volksbühne: „Death Drive – Everything Everyone ever did“. Schöpfungserzählung und Weltuntergang in einem.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 25.11.2023 → Beitrag hören

Foto: Apollonia T. Bitzan

Hat dieser Abend ein Ziel? Neben der Unzahl an opulenten Bildern, die er vorführt? Über dunkler Bühne zieht ein Feuerwerkskörper seine kurze Bahn und trifft mit einem Blitz auf dem Boden auf. Ein Urknall ist das zwar nicht, aber dennoch ein kosmisches Ereignis, aus dem hier alles Bühnenleben entstehen soll. Kyle Patrick und Steven Fast staksen grazil ins Bühnenrund, das wir uns für Augenblicke als das Paradies vorstellen sollen und performen zu Chopins Trauermarsch eine recht explizite Sexszene.

Die Anfänge dieser Menschheitsgeschichte tragen den Sündenfall und den Tod schon in sich. Denn wenn die beiden Performer nun in zeremoniellem Schritt ein aufgebrochenes Ei hinter sich her auf die Bühne ziehen, dann ähnelt dies sehr dem rechten Tafelbild von Hieronimus Boschs berühmten Triptychon „Garten der Lüste“. Auf dem geht es nicht mehr um eine intakte paradiesische Welt mit ihrem Lebensbrunnen sondern um eine Höllenmetapher und das Martyrium eines endzeitlichen Strafgerichts. Aus diesem Ei schlüpft in Meirhaeghes „Death Drive“ Benny Claessens, der an diesem kurzen Abend die Verrichtungen der kleinen Menschheit mit eher zweifelhaften Einwürfen begleitet. Mal als Gottvater mit albernem Rauschebart, mal als diabolischer Clown in schwarzem Schleierkleid.

Foto: Apollonia T. Bitzan

In weißen und roten Kostümen, die an die traditionelle Kleidung in Lappland erinnern, stellen Katrin Angerer, Inga Busch und weitere Performerinnen und Performer ein paar Äste zu Zeltgerüsten zusammen. Aus dem Off ertönt Bachs „Komm Süßer Tod“ und weiteres, das gerne auf Beisetzungsfeierlichkeiten gespielt wird. Im Orchestergraben sitzen sechs Musiker in grauen Hoodies, die Kapuzen weit über die Stirn gezogen. Und in der ersten Reihe hocken lauter Skelette. Die wenigen Worte, die während dieses opulenten Bildertheaters gesprochen werden, passen auf zweieinhalb Seiten und sind eher krude Metaphern. Die erste paraphrasiert eine sinnlose Suche nach einem Ziel der Menschheitsgeschichte, eine weitere die Genesis einer vorbiblischen Jäger und Sammler-Religion.

„Damals war unser Universum ein kaltes schwarzes Ei, bis der Gott darin hervorbrach und etwas aus der zerbrochenen Schale schuf, was zur Welt wurde, die wir kennen.“

Wie auch immer von Trauer gefangen, ist diese Welt aber optisch eine reiche Ansammlung voller bildwirksamer und klangvoller Zitate. Pina Bauschs „Sacre du Printemps“ klingt an, die Farben der allchemistischen Transformationslehre weiss, schwarz und rot beherrschen die Kostüme. Aus dem Schnürboden kommt Inga Busch als Mondgöttin Circe herabgeschwebt, gewaltige Kulissen sinken herbei und bebildern die ganz großen Zusammenhänge von Raum und Zeit. Immer wieder auch dürfen wir auf menschenleerer Bühne eine rein stoffliche Welt bewundern. Theater für die Kontemplation: Dann etwa, wenn eine Wolke aus Bühnennebel im Gegenlicht wabert, oder das Bröckeln von Geröll und Kies aus den Lautsprechern tönt.

Der Charme an Meirhaeghes Schöpfungsgeschichte ist die Freiheit, die sie den Assoziationen des Publikums lässt. Und dennoch gilt auch hier wieder einmal: Der große Gestus wird veralbert. Man zeigt, wie die Illusion fabriziert wird. In so fern bleibt der junge belgische Künstler im sicheren postmodernen Fahrwasser. Das große Pathos seiner Schöpfung ist ohne Ironie nicht zu haben, also nicht ohne diese blöde Besserwisserei, die schon einsetzt, noch bevor Bild und Ton einen Rausch auslösen könnten.

Der Mensch ist in diesem „Death Drive“, dieser Straße des Todes, wie auch in anderen aktuellen Arbeiten, nicht mehr als politisches Geschöpf auf der Bühne, das sein Schicksal mit anderen Menschen aushandelt, sondern als Sternenstaub, der seine endliche Existenz in kosmischen Zusammenhängen zu begreifen versucht. Das fühlt sich auch hier irgendwie aktuell und plausibel an, aber Meirhaeghes ästhetische Fabulierlust führt hierhin und dorthin und in eine Beliebigkeit, die das Publikum etwas ratlos zurücklässt. Die Volksbühne aber hat nun noch eine diese neuen Revuen, mit denen sie sich in Berlin ein Alleinstellungsmerkmal erobert hat.