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Theater des Todes
Eine Feier für Yukio Mishima
von Eberhard Spreng

Nach seinem gescheiterten Putschversuch 1970 beging der Poet und Dramatiker, der Ultranationalist Yukio Mishima rituellen Selbstmord: „Seppuku“. Diesem Umstand und seiner Person widmet die spanische Performancekünstlerin und Regisseurin Angélica Liddell zum Abschluss ihrer „Trilogie des funérailles“ das Stück „Seppuku – el funeral de Mishimo o el placer de morir“ (Seppuku, Mishimas Begräbnis oder die Freude zu sterben“).

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 05.02.2026 → Beitrag hören

Ichiro Sugae und Masanori Kikuzawa (Foto: Foto: Ximena y Sergio)

Es ist eine Totenfeier für verschiedene Selbstmörder, die Angelica Liddell zusammen mit japanischen Performern zelebriert. Die treten jeweils mit einem dargereichten Kleidungsstück an die nackte spanische Künstlerin heran. Sie zieht mal ein Hemd, mal ein Kleid, mal ein Jacke an und nennt die Namen derjenigen, die einst diese Kleidungstücke besaßen und die Gründe ihres Freitodes. In den Wochen vor den Aufführungen hatte sie in Straßburg Hinterbliebene aufgerufen, ihr Kleidungstücke einer Person zur Verfügung zu stellen, die ihrem Leben erst vor kurzem ein Ende gemacht hatte und ihr von der verstorbenen Person zu erzählen. Es ist also die aktuelle Trauererfahrung dieser Menschen, die hier in eine Performance eingeht, in deren Mittelpunkt dann aber der japanische Autor Yukio Mishima steht. Er strebte eine Rückkehr zu einem kaiserlichen Japan an, lehnte die Nachkriegdemokratie ab und forderten die Streitkräfte vergeblich zum Umsturz auf. Das war 1970; nach dem scheiternden Putsch im japanischen Hauptquartier beging er Seppuku, eine nach alter japanischer Tradition ausgeführte Form der rituellen Selbsttötung.

In seiner Kurzgeschichte Yūkoku Yockekö – „Patriotismus“ hatte Yukio Mishima 1960 bereits den eigenen Tod literarisch quasi vorweggenommen. Er schilderte die Selbsttötung eines japanischen Offiziers und seiner Ehefrau als zugleich äußerst schmerzhaft und ästhetisch. Die Erotik des Todesrituals wird auf Liddells Bühne in den sanften Verschlingungen von zwei nackten Männerkörpern vorgeführt, die zugleich auch Mishimas homoerotische Neigungen andeuten. Derweil hockt Angelica Liddell wie eine Magd im Hintergrund. Sie ist Dienerin, Spielleiterin und Priesterin im Tempel des Todes. Sie versteht sich als Mishimas hinterbliebene Treuhänderin, erklärt gleich zu Beginn von einer spirituellen Verwandtschaft mit dem japanischen Autor seit ihrer ersten Performance von 1988, „Greta quiere suicidarse“, „Greta will sich umbringen“. Dann auch wird ihr von einem Helfer Blut abgenommen, das sie bildmächtig auf ein weißes Tuch ausgießt – ein etwas klinisches Bild für die Selbstentleibung durch das Schwert. Angelica Liddell inszeniert dann in symbolträchtiger Bilderfolge Aspekte der kulturellen Hintergründe von Mishimas Werk. Er war ein glühender Verehrer der alten Theatertradition des Nô.

Ichiro Sugae und Masanori Kikuzawa spielen eine formstrenge Szene aus einem der vom Nô inspirierten Stücke des Autors. Sein ganzes Schaffen durchdrang ein wiederkehrendes Motiv: Die Verbindung von Schönheit, Erotik und Tod. Angelica Liddell lässt auch einen Bodybuilder auftreten, der zu unendlich sanfter Musik seine schwellende Muskeln vorführt. Das erinnert daran, dass der japanische Autor den eigenen Körper mit unermüdlichem Training zum Modell der männlichen Schönheit ausbauen wollte.

Alberto Alonso Martinez (Foto: Foto: Ximena y Sergio)

Eine Stellwand aus goldenen Kacheln vor einem roten Hintergrund bildet einen Sakralraum auf einer Bühne der sanften Gesten, langsamen Rituale, der feierliche Beschwörung, schließlich aber auch der wütenden Predigt. Denn wenn die Liddell das moderne, flache und langweilige Leben anprangert und um Erlösung im Tod bittet, steigert sich ihre Stimme in rasanter und perfekt orchestrierter Rede zu schrillen Tönen.

Angélica Liddell. (Foto: Foto: Ximena y Sergio)

Es ist ein Aufschrei, der nach Poesie ruft, nach einer Schönheit, die sich nicht als das ästhetisch Hübsche versteht sondern als radikale Ehrlichkeit, und der Schrei nach einer entgrenzten Kunst. „Wir müssen unser Leben etwas Höherem widmen, ich verlange nach Vertikalität, nach einem Kaiser!“, ruft die Künstlerin, aber auch: „Ich will das Ende meines Lebens, denn ich bin ein Samurai, der keinen Herren findet, dem er dienen könnte.“

Einige Pariser Kritiker halten schon seit einiger Zeit Liddells Schimpfen auf das liberale Zivilisationsmodell und den politisch korrekten Mainstream-Kulturbetrieb, ihre Todessehnsucht und die Anrufung eines höheren Zweckes für Anzeichen eines faschistoiden Denkens. Die Äußerungen der Autorin, Performerin und Regisseurin tragen wenig dazu bei, diese Kulturkritik politisch zu beruhigen. Einen Autor zu feiern, der im Dienste der Rückbesinnung aufs alte kaiserliche Japan eine Miliz gründete und den kollektiven Männerkampfsport feierte, passt nicht zu aktuellen Gendermoden. So ist Liddells Gedenkfeier, ihr Zelebrieren des Männerkörpers, ihre wilde Zärtlichkeit für die Selbstmörder von heute nichts weniger als der utopisch anmutende Versuch, dem Freitod eine feierliche Kirche zu errichten und die ist unendlich schön und entfaltet eine magische und äußerst fremdartige Kraft.