Alireza Daryanavard inszeniert Chronik der Revolution im Worx-Programm des Berliner Ensembles

Dokumentartheater am Berliner Ensemble
„Geschichte, ganz trocken“
von Eberhard Spreng

Das Berliner Ensemble zeigt die Arbeit des jungen Exil-Iraners Alireza Daryanavard „Chronik der Revolution“, das der Regisseur zusammen mit der Menschenrechtsaktivistin Mahsa Ghafari schrieb. Es entstand in der Programmreihe Worx, die sich zur Aufgabe macht, pro Spielzeit jeweils für zwei Nachwuchskünstler:innen eine freie Produktionsplattform zu schaffen.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 04.12.2023 → Beitrag hören

Foto: Moritz Haase

Wie lässt sich vom Iran erzählen, wie erklärt man die historische Folge der zahlreichen Massenproteste gegen das Regime, die allesamt, so scheint es, in immer neuen Wellen der Repression enden. Nichts weniger als das zu erklären, nimmt sich das junge Ensemble im Werkraum des Berliner Ensembles vor. Dessen Bühne ist dieses Mal vor allem eine breite Fläche voller dunkler Tafeln und Projektionsfläche für Videoeinspielungen. Und auf der sehen wir Corinna Kirchhoff in häuslicher Umgebung, als reife Zeitzeugin, als Allegorie der Zeitgeschichte.

„Also, man weiß von diesem Land eigentlich überhaupt gar nichts. Man hat vielleicht gehört, es sei so restriktiv wie in Russland, es gäbe Korruption wie im Irak, er gäbe radikalisierte Gruppen wie in Afghanistan, aber die Gesellschaft sei so modern wie in der Türkei. Man weiß gar nichts. Vielleicht ist man der Meinung, so schlimm ist es da gar nicht. – Was ist los mit diesem Land? Wie können Menschen so lange Widerstand leisten?“

„Geschichte, ganz trocken“ heißt es an einer Stelle nicht ohne Selbstironie, wenn das Rätsel Iran mit einigen historischen Schlüsselmomenten erklärt werden soll. Und all dies begleiten die zwei jungen Schauspielerinnen und ihr junger Schauspielerkollege durchaus schuldidaktisch mit dem Aufhängen von Plakaten mit Parolen in Farsi, und indem sie mit Tafelkreide auf dunkles Dekor kritzeln: Da sind Jahreszahlen zu lesen, Kernbegriffe, Schlagworte. Die Rede ist zunächst von der so genannten konstitutionellen Revolution, die 1905 nach heftigen Protesten für einen ersten Modernisierungsschub sorgte:

„Die Verfassung wird erlassen und orientiert sich an belgischen und französischen Vorbildern. – Eigentlich ist es die gleiche, sie wird nur iranisiert.“

Iranisiert, das meint in der Logik dieser letztlich scheiternden Modernisierung die Islamisierung des westlichen Verfassungsdenkens. Dieser Abend erzählt iranische Geschichte der letzten knapp einhundertzwanzig Jahre als einen steten Wechsel von Phasen versprochener Reformen und dem Rückfall in autoritäre Repression.
Er lässt unter anderem in kurzen Videoeinspielungen deren Protagonisten Revue passieren, den Ayatollah Khomeini, den Ayatollah Ali Chamenei, die Reformhoffnung Mohammad Chātami und den Revisionisten Mahmud Ahmadineschād, um nur einige zu nennen. Vor allem die islamische Revolution des Ayatollah Khomeini von 1979 wird erzählt. Wie junge Studenten plötzlich im Regimewechsel Karrierechancen wittern, wie diese Hoffnung ihr Denken korrumpiert, wie Überwachung funktioniert, wie man vor Autoritäten das Lügen lernt und, zu bedrückender Soundkulisse, wie die Repression besonders Frauen trifft, zumal im gefürchteten Evin-Gefängnis.

„Als Frau bist du im Gefängnis nicht nur eine Gefangene, sondern eine Ausgeburt. Das haben sie dich bei der Folter spüren lassen: Frauen sind Tiere, die man schlagen muss. Die Werte der islamischen Revolution erlauben es nicht, Jungfrauen zu exekutieren, also wird von Wächtern dafür gesorgt, dass es keine Jungfrauen mehr sind.“

Der dokumentartheatrale Abend „Chronik der Revolution“ hilft durchaus, dem durchschnittlich vergesslichen Medienkonsumenten im Westen die politische Geschichte des Iran in Erinnerung zu rufen. Das ist ganz anders als all die Filme und Theaterstücke iranischer Künstlerinnen und Künstler, die den Zustand ihres Landes in der Vergangenheit in eine poetische Metaphorik fassten, die fast schon ein eigenes Genre begründete. Alireza Daryanavard, der junge Exil-Iraner mit Lebensschwerpunkt Wien, zeigt Geschichte als Folge prominenter medialer Ereignisse, kaum aber die Tiefenströmungen im Denken der iranischen Bevölkerung. All das hat Kollagecharakter und wirkt regielich etwas unbeholfen. Vor allem aber kann der Abend so die zu Anfang gestellte Frage nicht wirklich beantworten: Wie können Menschen nur so lange Widerstand leisten? Und auch nicht die viel bedrückendere Frage: Warum kann sich das Regime so lange halten?