Romanbearbeitung am Deutschen Theater
Deutsche Geschiche mit Seeblick
von Eberhard Spreng
Jenny Erpenbecks teilweise autobiografischer Roman „Heimsuchung“ von 2007 ist seit kurzem Pflichtlektüre für das Abitur an deutschen Gymnasien. Er erzählt von fast einem Jahrhundert deutscher Geschichte am Ufer eines Brandenburger Sees. Am Deutschen Theater hat ihn Alexander Eisenach für die Bühne eingerichtet.
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 24.01.2026 → Beitrag hören

Ist das schon Theater? Oder nur das Aufsagen von Literatur? Das fragt man sich, während man Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ auf der Bühne des Deutschen Theater nacherzählt bekommt. Das neunköpfige Ensemble skizziert hier eine Vielzahl von Figuren, die an einem brandenburgischen Seeufer nach Lebensglück suchen. Und doch ist der eigentliche Protagonist der Erzählung eine unsichtbare Macht, der alle Menschen unterworfen sind. Es ist die Zeit, die alles verwandelt noch bevor Menschen ins Spiel kommen. Der Prolog am Anfang feiert das Ende der Eiszeit.
„Wo es nicht tiefer dringen konnte, weil der Boden
schon satt war, sammelte es sich über dem blauen Ton und stieg an,
schnitt mit seinem Spiegel quer durch die dunkle Erde und wurde
sichtbar als klarer See.“
An diesem See wird ein knappes Jahrhundert deutsche Geschichte erzählt. Sie beginnt mit einem Dorfvorsteher, der ein großes Waldstück aufteilt und verkauft. Der jüdische Tuchmacher Artur kauft eine Parzelle. Während der Naziherrschaft ist er gezwungen, sie weit unter Wert abzutreten. Aber auch der Erlös wird ihm genommen, bevor er ihn für seine Flucht ins Exil hätte nutzen können.
„Der gesamte Besitz von Arthur und Hermine, darunter auch der Erlös aus dem Verkauf des Grundstücks am See, fällt an das Deutsche Reich, vertreten durch den Reichsfinanzminister.“
Profiteur des Deals ist ein Architekt, der für seine Frau ein elegantes Sommerhaus am See errichtet, das gegen Ende des zweiten Weltkriegs von der Sowjetarmee requiriert wird. Dabei entdeckt der russische Major im oberen Stockwerk einen verborgenen Wandschrank, in dem sich die Frau des Architekten versteckt hat. Die umstrittenste Szene des Romans, eine Art wechselseitiger Vergewaltigung spielen Anja Schneider und Benjamin Lillie mit keuschem Abstand. Jahre später dient das Sommerhaus zu DDR Zeiten einer aus dem russischen Exil heimkehrenden Schriftstellerin als Refugium:
„Daheim. Deutschland hatte sich auf Nimmerwiedersehen in etwas Körperloses aufgelöst. In den verlorenen Geist.“
Die Drehbühne kreist und in dieser steten Bewegung sucht die von Julischka Eichel verkörperte hochnervöse Autorin – Vorbild ist die Großmutter von Jenny Erpenbeck: Hedda Zinner – für sich und ihre Schreibmaschine vergeblich nach der richtigen Position. Dies ist eines der wenigen aussagekräftigen Bilder einer allzu texttreuen Aufführung, die den Roman eher nacherzählt als theatral erkundet. Auch die zentrale Figur des Romans, der Gärtner, bleibt eine pathetische Behauptung. Almut Zilcher spielt die allegorische Figur mit leerer Bedeutsamkeit.
„Der Gärtner spricht wenig. Manchen im Dorf ist der Gärtner wegen dieses Schweigens nicht ganz geheuer. Andere wieder halten dagegen, er plaudere nun einmal lieber mit dem Grünzeug.“
Alle anderen Figuren erleiden Selbstmord, Vertreibung, Massenmord, Krieg und Exil. Sie suchen in der Weimer Republik, der Nazi-, DDR- und schließlich der Wende-Zeit mit ihrer Entpachtung und Restitution an Alteigentümer vergeblich nach einem Stück Heimat. Der Gärtner hingegen ist in diesem multiperspektivischen Erzählen ein ideologieferner Ruhepunkt. Er ist Spiegelbild der Natur und einer alles erduldenden Schöpfung. Er ist auf symbolischer Ebene der Treuhänder einer Hoffnung auf Heimat.

Das neunköpfige Ensemble exekutiert sein verteiltes Roman-Aufsagen auf einer immerfort bewegten Drehbühne mit einigen gläsernen Stellwänden.
Diese Theaterbastelarbeit bräuchte uns kaum weiter zu interessieren, stünde sie nicht im Zusammenhang mit einem übergreifenden pädagogischen Projekt. Denn die „Heimsuchung“ ist gerade zum deutschlandweitem Abiturthema und damit irgendwie ja auch zur nationalen erinnerungspolitischen Pflichtaufgabe gemacht worden. Und obwohl Jenny Erpenbeck zu allen ihren Figuren eine kluge Distanz hält und deren Suche nach Heimat als ein unmögliches Vorhaben scheitern lässt, schlägt hier eben doch auch eine gewisse Ostalgie 2.0 durch. Der Roman als Abitur- und Theaterübung ist so auch eine Konzession an das aktuelle ostdeutsche Stimmungsbild, bei dem der Grund für das generelle Gefühl der Unbehaustheit in der deutsch-deutschen Geschichte gesucht wird.