Revolten in Frankreich
Der Kampf der Narrative
von Eberhard Spreng
Das brennende Rathaus von Limoges, die Flammen, die aus dem Office de Tourisme in Lyon schlagen, die Plünderer von der Place de la République. Diese Bilder verstellen den Blick auf die Hunderttausende von Menschen, die am 17.10.2026 in Frankreich friedlich demonstrierten. Einige von ihnen sind Künstler und Wissenschaftler.
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 20.10.2026 → Beitrag hören

Seine Worte der Anklage gegen den autoritären Neoliberalismus à la Macron waren in den letzten Jahren auf vielen europäischen Bühnen zu hören. Diesmal ist seine Bühne die Place de la République in Paris. Der Schriftsteller Édouard Louis im Video eines Bloggers.
„Es ist wichtig, hier zu sein. Seit Jahren zerstört Macrons Regierung den öffentlichen Dienst. Es ist schön dass wir so viele sind: Schülerinnen, Lehrer, Intellektuelle, Künstlerinnen, Arbeiter, Pflegepersonal, Feuerwehrleute.“
Wenige Straßen weiter blickt der Romancier und Essayist Pascal Bruckner bei einem Spaziergang durch sein Stadtviertel auf einen anderen Aspekt der Ereignisse, die Zerstörer und Plünderer.
„Das ist eine sehr ausgelassene Jugend. Vergessen Sie das pathetische Bild des leidenden, wütenden Frankreich. Die jungen Leute, die da auf Zerstörung aus waren – also nicht die Demonstranten – sie lachten fröhlich, so als kämen sie von einer Party. Also hörte ich Freudenschreie und Wallah! Wallah! Rufe.“
Pascal Bruckner interpretiert seine Eindrücke im Sinne eines politischen Nihilismus.
„Diese Leute sind keine Systemgegner, sie sind für den Konsum. Aber da sie sich nicht alles leisten können, was in den Boutiquen ausliegt, bedienen sie sich selbst.“
Bruckner sagt dies in einem Videoblog der konservativen Tageszeitung Le Figaro. Die Rufe, die Bruckner wahrnahm, das „Wallah, wallah“ der Plünderer, passt zum Narrativ der globalen Rechten von Donald Trump bis Jordan Bardella. Sie sehen den Grund für die Ausschreitungen in den Folgen der Migration. Die Linke beklagt dagegen die Strategie der Regierung: in dem sie Gewalttäter gewähren ließe, diskreditiere sie die Bewegung bewusst. Die politischen Diskurse entfernen sich vom eigentlichen Gegenstand der Proteste, an die der Soziologe Michel Kokoreff erinnert.
„Es geht ums Zusammensein. Es gibt ein neues Bedürfnis nach dem Kollektiv, ja sogar der freudvollen Masse, und genau das haben die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten reaktiviert. Dieses Wohlgefühl der Solidarität gruppiert sich um diese kreative, humorvolle Jugend.“
Der Kriminologe Alain Bauer schafft dagegen eine historische Perspektive.
„Das ist das erste Mal, dass eine Vielfalt politischer Wutzustände mit den Resten vorheriger Bewegungen zusammentreffen: Die Gelbwestenbewegung von 2018 und 2019, die „Generation Nahel“, der 2023 nach Schüssen der Polizei starb. Dazu nun die Verzweiflung an Schulen und Hochschulen und die gefährdeten Gewerbe wie die Logistikbranche, Bauern, Lehrende.“
Das Frankreich, das da auf die Straße geht, muss in den nächsten Wochen mit einer Eskalation der Polizeigewalt rechnen. Édouard Louis sorgte sich vor drei Tagen, am 17. Oktober.
„Ich muss gestehen: Heute habe ich Angst auf die Straße zu gehen. Seit meiner Schulzeit demonstriere ich, aber heute habe ich Angst vor der Polizeigewalt des Macronismus.“
Das liegt vor allem auch an einer speziell französischen Bewaffnung, die der Mitbegründer des Investigativmediums Mediapart, Edwy Plenel im öffentlichen Fernsehen anprangert.
„Wir haben hier in Frankreich Waffen in den Arsenalen der Polizei, die es in keinem anderen europäischen Land gibt. Gummigeschosse können Menschen die Augen ausschießen, Gummigranaten reißen Menschen die Hand ab. Und jetzt plant die Staatsgewalt, das Demonstrationsrecht zu beschränken. Unsere Freiheit ist in Gefahr.“
Der politische Nutznießer der Entwicklung steht für den Schriftsteller Pascal Bruckner jetzt schon fest.
„Man kann, was da geschehen ist, den totalen, absoluten, den radikalen Sieg von Marine le Pen nennen. Wir brauchen eigentlich auch nicht mehr auf das Wahlergebnis zu warten.“
So klingt die grimmige Frustration eines alten Konservativen. Wahr ist, dass alle Demokraten Frankreichs nun vor der kniffligsten Aufgabe der fünften Republik stehen.