Kultur im Krisengebiet
Taiwans Kultur blickt besorgt auf Hongkong
von Eberhard Spreng
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 11.04.2026 → Beitrag hören
Seit 1971 verhindert Chinas „Ein-China-Prinzip“ eine Mitgliedschaft Taiwans bei den Vereinten Nationen. Wo der Politik die Hände gebunden sind, springt Taiwans Kultur ein. Besorgt blickt sie auf Hongkong, mit dem sie noch bis vor kurzem ähnliche Freiheiten teilte.

Das Taipeh Fine Arts Museum aus den 1980er Jahren ist ein moderner Bau, der sich an vielen Stellen nach Außen öffnet. Auch zu einem Garten, in dem die Abschlussperformance der Taipei Kunstbiennale veranstaltet wird.
“Ask me if I still enjoy my Christmas dinner…”

Etwas schräg klingt der Gesang von Performerinnen und Performern, die allesamt die Tonhöhen nicht richtig treffen. Sie wandern durch den Garten des Museums, quer durchs Publikum. Konzipiert wurde die Biennale von Kuratoren aus dem Hamburger Bahnhof, während am Nationaltheater der deutsche Regisseur Christopher Rüping, die Wuppertaler Tanzkompanie und viele weitere europäische Künstlerinnen und Künstler gastieren. Taiwans Kulturlandschaft ist auffällig international. Das hat auch politische Gründe, erklärt der Festivalmacher Yusuke Hashimoto.
„Die taiwanische Regierung nimmt viel Geld in die Hand, um die Kultur zu unterstützen. Es geht darum, die Unabhängigkeit zu wahren. Denn das Land wird nicht offiziell anerkannt in den Vereinigten Nationen. Statt des diplomatischen Weges halten sie über die Kultur den Kontakt mit der Welt.“
Und man beobachtet auf Taiwan genau, was in der südasiatischen Nachbarschaft mit der Kunstfreiheit geschieht. Vor allem in Hongkong. Die taiwanische Kuratorin Elaine Liu.
„Vor Tagen wurde ein Hongkonger Buchhändler festgenommen, weil er chinakritische Bücher verkaufte, unter anderen die Autobiografie des berühmten Unabhängigkeitsaktivisten Jimmy Lei.“
Die Verfolgung von Buchhändlern, von Aktivistinnen und Künstlern in Hongkong hat nun Tradition. Viele gingen in den letzten Jahren nach Taiwan ins Exil. Das beobachtet der einflussreiche Autor und Theaterdramaturg Yi-Wei Keng.
„Demokratie und freie Rede haben wirklich Schaden genommen. Wir haben jetzt in Taiwan aus Hongkong emigrierte Künstler, die vor Zensur und der Einschränkung der Kunstfreiheit fliehen.“
Mit dem Buchhändler Lam Wing-kee begann der Exil-Reigen. Sein Hongkonger Causeway-Bay Buchladen geriet 2015 in den Fokus Pekings. Denn seine Kundinnen und Kunden suchte bei ihm nach Büchern, die in China nicht zu kaufen waren. Heute ist Causeway-Bay Books in Taipeh angesiedelt. Der Aktionskünstler Kacey Wong emigrierte 2021.
„Das nationale Sicherheitsgesetz nahm uns in Hongkong die Freiheit. Es ruiniert das Vertrauen zwischen den Menschen. Die Leute ziehen sich zurück, isolieren sich, was Depression und sogar Selbstmord verursacht.“
Eine Massenflucht aus Hongkong nach Taiwan findet allerdings nicht statt. Die restriktive Zuwanderungspolitik Taipehs soll Infiltration durch Festlandschinesen verhindern, was heute auch immer mehr Hongkong-Chinesen betrifft. So beobachtet die Taiwaner Kulturszene aus einer prekären Sicherheit und einem Abstand von 380 Seemeilen die aktuellen Entwicklungen in Hongkong. Angetrieben auch vom Stolz auf Jahre des Kampfes für Freiheit und Demokratie, an die die Bloggerin Emily Y Wu in einem Podcast des Instituts für Auslandsbeziehungen erinnert.
„Wir sind eine junge Demokratie. Nur wenige wissen, dass wir 38 Jahre unter Kriegsrecht leben mussten! Und wenige wissen, dass die Menschen hier so erbittert dafür gekämpft haben, was wir heute sind.“
Deshalb reagiert Taiwans Kultur nervös auf Zensur und Cancel-Culture in Hongkong. Auch aus Sorge, dass ihr ein vergleichbares Schicksal droht, sollte China die Insel annektieren. Kernaufgabe bleibt der Kampf gegen offizielle Narrative von einer Jahrtausende alten Verbindung der Insel mit Festlandschina. Dramaturgin Elaine Liu.
„Taiwan war nie Teil der Volksrepublik China. Die Geschichte Taiwans ist zwar komplex, aber das ändert nichts daran, dass wir über unsere Zukunft selbst bestimmen dürfen.“
Exemplarisch spiegelt sich diese Komplexität im Werk des queeren taiwanischen Künstlers Skyler Chen. Seine Gemälde, die stilistisch an die neue Sachlichkeit erinnern, spiegeln in figurenreicher Vielschichtigkeit die Vorgeschichte des modernen Taiwan: Geschichten von Migration, Militärherrschaft und der eigenen Familie. In Taiwan kann man derzeit erfahren, was Kultur leisten muss, wenn Politik aufgrund einer geopolitischen Zwangslage nicht agieren kann.