Masculinities-Ausstellung-eroeffnet-im-Martin-Gropius-Bau

Fotoausstellung im Martin Gropius Bau
Making of Men
von Eberhard Spreng

Nach ihrem Start im Londoner Barbican Centre ist die Ausstellung „Masculinities – Liberation through Photography“ in Berlin zu sehen. Kuratorin Alona Pardo hat Männerbilder aus den 1960er Jahren bis heute versammelt.

Bayerische Rundfunk, Kulturwelt – 16.10.2020

Foto: Adi Nes, Aus der Serie „Soldiers“,  Adi Nesund Praz-Delavallade Paris, Los Angeles

Zwei Botschaften empfangen das Publikum im ersten der Räume, die den Innenhof des Martin-Gropius-Baus flankieren. Zum einen John Coplans in vier Tafeln gruppierte Fotografien seines nackten, gealterten Männerkörpers. Und linkerhand die unscheinbar inszenierte Bemerkung des schwarzen Schriftstellers James Baldwin. Einem durchschnittlichen weißen amerikanischen Jungen, so Baldwin, ist es unmöglich, in der von naiven Männerbildern geprägten amerikanischen Kultur überhaupt einen Begriff von der Vielfalt dessen zu bekommen, was Mannsein alles bedeuten könnte. Männlichkeit, so will es die Kuratorin der Ausstellung „Masculinities“, Alona Pardo, begreiflich machen, gibt es nur im Plural.

„Die Ausstellung ist sehr aktuell. Man kann sich ihr aus einer queeren Perspektive nähern, oder einer feministischen, oder der des Black lifes matter, ja sogar aus der der Pandemie, die diesem Rückblick einen ganz eigenen Resonanzraum verschafft. Sie kommt auch zu einem Zeitpunkt, in dem Männlichkeit zu einem wichtigen kulturellen Streitthema geworden ist. Während also Männer und Männlichkeit im Fokus sind wie nie zuvor, wissen wir alle nicht, was Männlichkeit eigentlich bedeutet. Diffuse Definitionen mischen sich mit medialen Narrativen, dem Alltagsdenken und der Pop-Kultur. Dieses undeutliche Bild nimmt sich die Ausstellung zum Ausgangspunkt und zeichnet mit der Photographie der 1960er Jahre bis heute eine Vorstellung, wie Männlichkeit erlebt, codiert, performt und gesellschaftlich verankert wurde.“

Da sind also auf getrennten Porträts vier portugiesische Toreros zu sehen, mit den Blutflecken der getöteten Stiere auf Kragen und Jacke, da ist die Football-Mannschaft mit ihren karikaturhaft übersteigerten Schulterpolstern, da ist eine viele Meter große Kollage von Gesichtern bekannter Schauspieler, die Piotr Uklański in diverse Nazi-Uniformen gesteckt hat. Soldaten, Bodybuilder, Wrestler, Cowboys, Erinnerungen an Archetypen, die „Homosociality“, Männergruppen prägen. Da ist aber auch die Sammlung von Schwarz-Weiss-Bildern exquisiter, kaum bevölkerter Intérieurs, die die Londoner Künsterin Karen Knorr in der englischen Hauptstadt angefertigt hat.

„Die Bilderfolge “The Gentlemen” wurde in den Herren-Clubs an der Saint James’s Street realisiert, in denen damals, also zu Beginn der 1980er Jahre, ausschließlich Männer aufgenommen und Frauen nur als Gäste zugelassen wurden. Aber z.B. den Smoking Room durften sie nicht betreten. Einige der Räume waren den Frauen also völlig versperrt. Und Margaret Thatcher – damals immerhin Prime Minister – war nur assoziiertes Mitglied im Carlton Club, dem traditionellen Konservativen-Club auf der Pall Mall Strasse.“

Maskuline Zonen der Exklusion, Räume für Anzugträger, hegemoniale Inkubatoren für etwas, das heute gerne toxische Männlichkeit genannt wird, werden immer wieder gebrochen von Bildern des Scheiterns in überkommenen Männerbiographien. In sechs Ausstellungsschwerpunkten mäandert die Schau durch Männerwelten, die Fiktion der Familienkonzepte wird enttarnt. Leider schlecht ins Licht gesetzt ist die faszinierende Bilderfolge der polnischen Fotografin Aneta Bartos: eine Reihe von verklärt kontrastarmen Farbbildern, in denen sie sich selbst als leicht bekleidete, feenhafte Kreatur mit ihrem Vater, einem Bodybuilder, in einer polnischen Sommerlandschaft inszeniert hat: In einer schillernd unheimlichen Beziehung voller inzestuöser Doppeldeutigkeiten.

Zu selten entdeckt die Ausstellung im Performen des Männlichen die Dialektik des Mann-Frau-Verhältnisses. Sie traut vor allem dem queeren und dem schwarzen Männerkörper und schließlich dem weiblichen Blick das Potential fürs Ausbrechen aus der alten Hegemonie zu.

Foto: Sunil Gupta – from the series christopher street, 1976.

Das Verschwinden der alten Männerbilder im modernen, heterosexuellen Mann der globalen Dienstleistungskultur, sein Underperformen, ist sowenig Thema wie das Bild des arbeitenden Männerkörpers. Hier geht es ausschließlich um medial vermittelte Männerbilder, um Ikonen jenseits jeder Produktion. Ist die Kuratorin blind fürs allmähliche Verschwinden ihres Betrachtungsgegenstandes?

„Wir leben immer noch in einer Männerwelt und in einem bestimmten Grade habe ich sie mir aus dem männlichen Blickwinken angeeignet. Und daher bin ich als Frau in einer guten Position, um die Bilder von Männlichkeit kritisch zu hinterfragen. Die Ausstellung kommt ja zu einem interessanten Zeitpunkt. Ich denke heute an den neuen Geschlechterkrieg, in dem wir stecken und der in Zusammenhang mit der Metoo Bewegung ausbrach. Aber die Ausstellung steht auch in Verbindung mit diesem neuen maskulinen Nationalismus, den Bildern dieser starken männlichen Weltherrscher, etwas, das uns sehr rückschrittlich vorkommt, traditionell, muskulös wie dieses Bild von Putin auf dem Pferd in den Bergen des Kaukasus.“

Gewünscht hätte man sich, dass die Schau den historischen Zusammenhang von karikatural performter Männerdespotie in der heutigen Politik mit dem realen Zerfall traditioneller Männerdomänen in der Gesellschaft erkennt.