Leonora-Miano-Redemption-Song-an-der-Colline-uraufgefuehrt

Léonora Miano uraufgeführt
Eine konfliktreiche Beziehung
von Eberhard Spreng

Acht schwarze Schauspielerinnen und Schauspieler stehen zum Saisonauftakt am Théâtre National de la Colline auf der großen Bühne. Sie spielen in einem Stück, das eine Geschichte im Afrika des 22. Jahrhunderts erzählt und das aus der Feder der kamerunisch-französischen Autorin Léonora Miano stammt. „Redemption Song“ ist ein Beispiel für die Offenheit, die die französische Theaterlandschaft für Menschen mit schwarzer Hautfarbe in den letzen Jahren entwickelt hat.

Deutschlandfunk, Kultur Heute, 21.09.2026 → Beitrag hören

Foto: Christophe Raynaud de Lage

Schauplatz des neuen Stücks der afro-europäischen Léonora Miano ist das fiktive Land Nubia im 22. Jahrhundert. Dieses hat sich nach einer nationalen Befreiungsbewegung sowohl von östlicher wie auch von westlichen Kulturhegemonien frei gemacht. Videoeinblendungen mit indigenen und antikisierend ägyptischen Stilelementen zeigen Landschaften im Science Fantasy Stil und einen modernen Wohlstand.

Merci d’avoir choisi Nubuan Railways, c’est un plaisir de vous avoir à bord“

Frauen sind sehr weitgehend von männlicher Bevormundung befreit, eine Influencerin mit dem programmatischen Namen „libre Hétéra“ – also freie Hetäre – berät in Liebes- und Sexdingen, nur Francis und Fara führen eine problematische Beziehung: Sie ist als Großgrundbesitzerin auf symbolischer Ebene so etwas wie Mutter Erde; er ist als Betreiber von Minenprojekten ein Inbild männlicher Geschäftemacherei und unsteter Aktivität. Für Léonora Miano steht diese Beziehung aber insbesondere für eine aktuelle euro-afrikanische Problematik. Genauer genommen ist es das Erbe einer von Kolonialismus und Ausbeutung geprägten Verbindung zwischen Frankreich und Westafrika. Im Radio France sagte die Autorin:

„Die Geschichte erzählt vom Verhältnis zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien. Die Beziehung zwischen dem frankophonen Afrika und Frankreich wird von sehr starken Affekten bestimmt, die nicht ausgesprochen werden können. Es ist schwierig zu sagen dass man sich liebt, wenn zur gemeinsamen Geschichte auch Massengräber gehören.“

Wie lassen sich in eine so schmerzvolle Geschichte Grundenergien des Eros und der Liebe einbringen, wie Grenzen und Hierarchien zwischen den Hautfarben überwinden? Dieses utopische Projekt treibt die Dramatikerin, Romanautorin und Essayistin um. Sie scheut sich in ihrem neuen Stück nicht, in poetisch überhöhter Sprache metaphernreich und allegorisch weltgeschichtliche Strömungen durch Theaterfiguren zu repräsentieren. Das führt zu vielschichtigen Experimenten im Raum der Repräsentation: Denn auf der Ebene des Plots und vor den Augen des Publikums ist Francis einfach ein schwarz-afrikanischer Mann mit unsteter Emotionalität; auf allegorischer Ebene aber ist er das weiße Europa und sein räuberischer Kapitalismus. Miano experimentiert hier mit der Hautfarbe. Sie soll sich von ihrer Vorgeschichte und überkommenen Zuschreibungen befreien. Und die Autorin folgt damit auch einer frühen Erfahrung ihrer Kindheit im Kamerun.

„Wenn man als Teil der Mehrheit aufgewachsen ist, kann man sich in Alles hineinprojizieren. So wuchs ich in Afrika auf. An einem Ort, wo alle schwarz sind, ist man nicht schwarz, weil das absolut nichts bedeutet. Als ich damals die Tänzerin und Schauspielerin Cyd Charisse im Fernsehen sah, nahm ich gar nicht wahr, dass sie weiß ist. Ich dachte nur, ich will sein wie sie, wie sie tanzen. Dabei wollte ich nicht weiß sein, sondern einfach eine Varieté-Künstlerin.“

Der Traum vom Varieté ist in Léonora Mianos Regie immerhin in Musik und Songs lebendig geblieben. Ihre neue Arbeit reiht sich ein in eine Serie von Arbeiten schwarzer Künstlerinnen und Künstler, die sich in Frankreich nicht amerikanisch PoC oder BPoC nennen, sondern „personne racisée“, rassialisierte Person. Der im universitären und aktivistischen Milieu beliebte Begriff macht den Umstand deutlich, dass es der Blick eines Anderen ist, der hier den Phenotyp der Rasse erst ins Spiel bringt. Ganz im Stil des amerikanischen Romanciers und Bürgerrechtlers James Baldwin fragt auch Léonora Miana, mit welchem Ziel weiße Menschen den Schwarzen überhaupt erfunden haben. Sie betont in einem Essay, dass das Problem eigentlich in der weißen Hautfarbe begründet liegt. Sie ist der Ausgangspunkt für Hierarchisierungen zwischen den Rassen.

„Das kriegt man ja immer zu hören, dass Frankreich das Land des Universalismus ist, dass Farben und Rassen nichts bedeuten. Aber, warum sind dann nicht alle in allen Rollen zu sehen? Natürlich nehmen die Minderheiten diesen Umstand wahr. Und natürlich fühlen sich deren Kinder um die Chance der Sichtbarkeit auf den Bühnen und Leinwänden betrogen.“

„Redemption Song“, Das Lied von der Erlösung, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie das französische Theater den Betrug mit der Sichtbarkeit von Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu überwinden versucht.