In der Ukraine findet das GRA Festival 2025 statt

Theaterfestival in Kyjiw
Die große Weltoper
von Eberhard Spreng

Schon im vierten Kriegsjahr verteidigt sich die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg. Sie tut dies militärisch und kulturell. Erstaunlich genug: Trotz der russischen Angriffe mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen veranstaltet das GRA Festival in Kyjiw, Lwiw und Iwano-Frankiwsk auch in diesem Jahr ein Bühnenfestival, an dessen Ende jährliche Theaterpreise stehen. Manchmal unterbrechen Luftangriffe die Aufführungen.

Deutschlandfunk, Information und Musik – 30.11.2025 → Beitrag hören

Nina Khyzhna in „Someone like me“ (Foto: Eberhard Spreng)

„Attention! Air Raid Alert! Proceed to the nearest shelter! Don’t be careless! Your overconfidence is your weekness!”

Den sonoren Mark Hamill hört der Besucher der Ukraine derzeit regelmäßig. Mit der Stimme des Starwars-Schauspielers warnt eine weit verbreitete ukrainische App vor russischen Luftangriffen und bittet, die Bunker aufzusuchen. Beeindruckt zeigen sich die Bewohner der Hauptstadt Kyjiw zumindest im Stadtzentrum allerdings bislang wenig von den Luftschlägen. Sie gehen ihrem Leben nach, besuchen die Theater. Anders ist dies für die Tänzerin und Regisseurin Nina Khyzhna, die in der Frontstadt Charkiw ihr Solo „Someone like me“ entwickelt hat.

„Jeden Tag in der Nähe des Todes zu leben, lehrt einen, was wirklich Wert hat und: das Leben farbiger zu sehen. Außerdem schmeckt der Kaffee am Morgen besonders, weil dann der nächtliche Beschuss vorbei ist. Irgendwie wird das Leben philosophischer.“

Basierend auf Interviews mit Menschen aus verschiedenen Teilen einer Gesellschaft im Krieg hat die Künstlerin eine Performance entwickelt, die Wort und Tanz zu einer spannungsreichen, hochkonzentrierten Studie über Menschen in Ausnahmesituationen zusammenfügt. Auch im Gespräch zeigt sich Nina Khyzhna deutlich angefasst von ihrer aktuellen Lebenssituation. Was sie allerdings kalt lässt, ist das, woraus westliche Medien permanent Schlagzeilen generieren: Debatten über Trumps so genannten Friedensplan.

„Ich glaube nicht an Friedensverträge mit Putin. Die dienen nur dazu, dass Russland in zehn Jahren die ganze Ukraine okkupieren kann. Was soll ich sagen? Ich glaube nicht an Deals mit Leuten, die uns so oft schon betrogen haben. Und wenn ich etwas von Sicherheitsgarantien lese: Danke bestens! Die hatten wir doch schon.“

Nichts könnte so weit auseinanderliegen, wie das Reden über die Ukraine und das Reden in der Ukraine. Daher erleben Künstlerinnen und Künstler hier die westliche Mediendebatte als völlig abwegig. Sowohl auf dem Schlachtfeld, als auch unter Künstlern scheinen Waffenstillstände und Annäherungen langfristig undenkbar. Zumindest für den im ostukrainischen Saporischschja geborenen Regisseur und Komponisten Illia Razumeiko.

„Wir wären glücklich, wenn es Russen und russische Künstler gäbe, die auf unserer Seite stünden. Aber das sind wenige. Nur wenige verstehen die Ukraine oder die Probleme ihres eigenen Landes. Leute, die wirklich ein neues, demokratisches Russland wollen, kämpfen heute an unserer Seite. Vor allem aber müssten Russen anfangen, über russische Kriegsverbrechen zu sprechen, wie dies Thomas Mann im zweiten Weltkrieg tat.“

Das sagt Illia Razumeiko, dessen „Gaia 24 – Opera del Mundo“ im Wettbewerb um den diesjährigen ukrainischen Theaterpreis antritt.

„Gaia 24“ ist einer der diesjährigen Preisträger. Foto: Valeryia Landar

Im kontrastreichen Mix aus Folklore, klassischer Musik, Rap und Punk greift die Arbeit nicht nur anhand der Vergiftung des Bodens durch Kampfmittel auch die ökologische Katastrophe des russischen Angriffskrieges auf. Eine der Zuschauerinnen im Lesya Ukrainka Theater ist die Kyjiwerin Viktoria Spashchenko.

„Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Angst und Furcht. Furcht ist normal, eine gesunde Reaktion unseres Nervensystems. Aber Angst zu haben, ist eine spirituelle Entscheidung. Ehrlich gesagt: Ich glaube, die Menschen hier haben keine Angst, weil sie es so entschieden haben. Und ich glaube auch: Der Sieg der Ukraine ist jetzt schon eine Tatsache, die allerdings erst mit der Zeit sichtbar wird.“

„Bravery is Ukrainian Brand“, „Tapferkeit ist eine Marke aus der Ukraine“, so stand es schon 2022 stolz auf Plakaten. Die mittlerweile legendäre Resilienz der Bevölkerung ist allerdings auch ein Lernerfolg, den das Land etwa mit dem Baltikum und mit Finnland teilt. Das betont ein finnischer Ex-Vertragssoldat, der zusammen mit ukrainischen Start-Ups das Kriegsgerät der Zukunft entwickelt.

“Wir Finnen haben eine lange Geschichte mit unserem Nachbarn Russland. Ich operiere hier in der Ukraine seit dem März 2022 und kann sagen: Dieses ganze Friedensvertragsgerede ist ein einziges großes Theater: Mit Drama, Maskenspiel, erlogenen Geschichten. Und es folgt einem russischen Szenario. Verrückt ist nur, dass amerikanische Politiker und ihr Präsident die Story gekauft haben.“

Sind hier amerikanische Politiker nur Akteure in einem russischen Spiel ? Während die politische Weltbühne Fiktionen performt, öffnen die Kyjiwer Theater den Blick auf einige emotionale, metaphorische und symbolische Wahrheiten des Krieges.