Festival-d-Automne-Bilder-tanzen-lassen

Festival d’Automne
Bilder tanzen lassen
von Eberhard Spreng

Tagesspiegel, 16.12.2022 – Artikel lesen (Bezahlsperre)

Foto: Erwan Fichou

In der Salle des Gens d’Armes in der Conciergerie auf der Île de la Cité ruhen unter gotischen Spitzbögen derzeit lauter fragile Kunstwerke. Der französische Bildhauer Théo Mercier hat dort aus geformtem Sand lauter Miniaturlandschaften errichtet: Im Zentrum immer wieder Matratzen, wie zurückgelassen, neben Säulenresten auf Sandhügeln, bewacht von trägen weißen Hunden. „Outremonde“ ist eine ephemere Installationen mit dem höchst zerbrechlichen Baustoff Sand. Eine Kathedrale des Schlafes, eine Metapher für den Traum will die Installation nach dem Willen des Künstlers sein. Die Säulenstümpfe der Installation gleichen in Farbe und Anmutung den Säulen des Bauwerks aus dem 14. Jahrhundert. So wird der ganze mächtige Raum selbst zu einer einzigen gewaltigen Vanitas-Skulptur: Die zeitgenössische Kunst weist dem auf unbegrenzten Bestand hin gebauten Architekturmonument den Weg in die Zukunft: Alles ist vergänglich, auch dieses in der Kapetingerzeit errichtete Kulturerbe.

„Outremonde“ ist Programmbestandteil des Festival d’Automne, das in diesen Tagen zuende geht. Es war in der Vergangenheit oft eine nur locker kuratierte Ansammlung von allem Möglichen, was die französische Hauptstadt in den Herbstmonaten an Ambitioniertem in Theater, Tanz, Musik und Kunst zu bieten hat: Ein begehrtes Label mit begrenzten, eigenen Produktionskapazitäten. Das ist in diesem Jahr etwas anders: Die Kulturschau setzt vor allem an seinem Abschluss einige spannende Akzente im Dialog zwischen dem Kulturerbe und aktueller Kunst.

Foto: Anne Van Aerschot

Ihr Höhepunkt ist Anne Teresa De Keersmaekers tänzerisch-gestischer Kunstkommentar im Denon-Flügel des Louvre. An mehreren Stellen gleichzeitig bebildern, begleiten und ergänzen lebende Körper den gemalten Gestus berühmter Gemälde. So verbindet ein Tänzer vor dem großen neoklassischen David-Gemälde „Die Sabinerinnen“ die Posen verschiedener Bildfiguren in einem kontinuierlichen Bewegungsfluss. Unwillkürlich huscht der Blick des Publikumsgrüppchens zwischen tänzerischem Gestus und gemalten Körperhaltungen hin und her und sucht nach den Triggerpunkten zwischen Malerei und Tanz. Dann wieder erblickt der frei umherwandernde Flaneur scheinbar leblose Körper, die auf dem Boden und den Sitzbänken vor den gemalten Leichenbergen auf Théodore Géricaults „Floß der Medusa“ liegen. Der Körper wird aus der Bildwelt in die Museumsgegenwart hinein verlagert, seine obszöne Agonie greifbar gedoppelt. Aber dann kehrt plötzlich das Leben in einen der ruhenden Körper zurück, er erwacht aus dem Tod, geht zum benachbarten Delacroix, um dort in der Pose eines gefallenen Barrikadenkämpfers zu Boden zu sinken. Eine steile Assoziation: Was verbindet die Toten vor der mauretanischen Küste von 1816, deren Schiffbruch in den Kontext der Kolonialgeschichte gehört, mit den Todesopfern der Revolution von 1830?

Immer wieder einmal rennt ein einzelner Performer durch den langen Saal wie in Jean-Luc Godards „Bande à part“ vorbei auch an Peruginos „Heiligem Sebastian“, der die auf ihn abgeschossenen Pfeile mit delirierendem Himmelsblick entgegennimmt. Seine exaltierte Entrückung entfaltet in der performativen Wiederholung erst seine befremdende Wirkung. Merkwürdig und augenfällig: Die Skandale, die die stumme Malerei im Louvre immer in sich trug, befreien die Tänzerinnen und Tänzer unter de Keersmaekers Leitung aus der Erstarrung und verlängern sie in die Gegenwart. Eine wiederum unbewegte Installation öffnet den Blick auf die Erkenntnis eines Unterschieds: Da liegt eine Performerin zu Füßen eines Goldgrundgemälde auf dem Museumsboden. Goldene Rettungsfolie bedeckt ihren Körper. Der metaphysischen Rettung der Malerei liegt ein Bild für die Lebensrettung zu Füßen, wie man es von Flüchtlingsdramen und Verkehrsunfällen kennt. Zweimal Gold mit ganz unterschiedlicher Bedeutung; schöner können unterschiedliche Kulturen der Fürsorge nicht in Beziehung gesetzt werden.

Foto: Eberhard Spreng

In der von Touristen belagerten Sainte-Chapelle, die der französische König Ludwig der Heilige im 13. Jahrhundert für seine teuer erstandenen Passionsreliquien errichten ließ, hat Bob Wilson im Rahmen des Herbstfestivals eine Sound-Installation eingebaut. Eine Frauen-, Männer- und Kinderstimme sprechen Auszüge aus „De rerum natura“ des einigermaßen religionskritischen, römischen Epikuräer Lukrez. Bob Wilson nennt seine Installation in der Herzkammer des Katholizismus nicht ohne Ironie „Gloria“. Frankreich bleibt halt auch in seinen religiösen Heiligtümern eine der Aufklärung verpflichtete Republik.

Während die Kunstdialoge zwischen Architekturerbe und zeitgenössischen Installationen auf lange historische Zeiträume abzielen, steht das Theater in Beziehung zu brennenden, tagesaktuellen Konflikten. In prophetischer Vorahnung hat der belarussischen Autor Alherd Bacharewitsch 2017 die aktuelle europäische Kriegswirklichkeit vorweggenommen: Sein in Weißrussland verbotenes „Die Hunde Europas“ ist die dystopische Vision eines Dauerkonfliktes zwischen einem riesigen repressiv geführten Russland, dem „neuen Reich“, und der freiheitlichen Liga der europäischen Staaten. Im kommenden Jahr soll es auch in Deutschland erscheinen. Das belarussische Exilensemble Belarus Free Theatre zeigt das im Berthier-Saal des Odéon-Théâtre de l’Europe.

Installation: Belarus Free Theatre/Foto: Eberhard Spreng

Auf jedem der 400 Plätze wartet ein Din-A-4-großes Porträt auf das Publikum. Das sind 400 belarussische Menschen, die im Zusammenhang mit den Protesten gegen das Lukaschenko-Regime 2020 festgenommen, gefoltert, vergewaltigt oder getötet wurden. Das Publikum erlebt dann in der dramaturgisch etwas verworrenen Geschichte eine ungemein körperbetonte, choreografisch und musikalisch aufgeladene Performance. Ein Volksmärchen mitten in der belarussischen Provinz des Jahren 2049 bildet den ersten Teil der dreistündigen Aufführung: Ein Bilderbogen mit Popen, Militär und Bauern, und dem plötzlichen Auftauchen eines als Spion verfolgten Menschen. Der zweite Akt schildert, nunmehr an Stationen im noch freien Westen, die Suche nach einer Gedichtsammlung. Quer durch die noch verbliebenen Überreste von höchst selten gewordenen Buchhandlungen führt die Reise; Videoprojektionen illustrieren sie auf der gesamte Bühnenrückwand mit collagierten Animationen. In einer Zivilisation, die die Kulturpraxis des Lesens aufgegeben hat, wird die Suche nach dem Text als Träger möglicherweise wichtiger Sendbotschaften aus der Vergangenheit zur archäologischen Herausforderung. Ein starkes, paradoxes Bild am Ende: Das Ensemble mit aufgeschlagenen, brennenden Büchern. In jedem Buch lodert die Flamme der Erkenntnis. Wer sie erstickt, wie die Performer am Ende, indem sie die Bücher zuschlagen, bleibt im Dunkel zurück. Andererseits ist ein brennendes Buch immer Bild für Zensur, Repression und Mordes. Heinrich Heines „“Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ wird auf der Videoleinwand zitiert.

Der metaphorisch aufgeladene osteuropäische Expressionismus des Belarus Free Theatre ist vor allem eine politische Botschaft. Die Truppe hatte eine erste Skizze des Stücks im März 2020 in Minsk in geheimgehaltenen Aufführungen gespielt, bevor die Performer:innen in die Ukraine und dann nach Polen flüchten mussten. Der aus der Ferne inszenierende Regisseur Nicolai Khalezin und Regisseurin Natalia Kaliada waren schon seit 2010 im westlichen Exil. Nach der Aufführung kam die Regisseurin für ein paar eindringliche Worte auf die Bühne. Sie rief das französische Publikum auf, Druck auf Abgeordnete und Regierung auszuüben. Es dürfe keine Verhandlungen geben. Kriegsverbrecher wie Putin und Lukaschenko gehörten vor Gericht und für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis. Das war natürlich indirekt auch ein Appell an Emmanuel Macron, dessen Plädoyer für eine Verhandlungslösung als französische Alleingang Kopfschütteln ausgelöst hatte. Mit einem aktuellen Manifest endet ein Herbstfestival, das ansonsten mit starken zeitgenössischen Positionen zur Geschichte aufschließt und Zeithorizonte sinnlich erfahrbar macht.