Femminicity-ist-eine-Reihe-von-Aufführungen-und-Debatten-ueber-Feminismus-aus-fuenf-europäischen-Ländern

Theater und Feminismus
Verloren in Motherpolis
von Eberhard Spreng

Zwischen Fiktion, Forschung, Soziologie und militantem Theater bewegen sich fünf kurze Aufführungen unter dem Titel „Femminicity“, die in Serbien, Polen, Slowenien, Rumänien und Frankreich zum Thema Feminismus entstanden. Im Zentrum steht die Frage, was es bedeutet, heute in Europa eine Frau zu sein. Die Université Paul Valéry ist der Initiator dieses europäischen Projektes. Femminicity wurde beim Printemps des Comédiens in Montpellier gezeigt.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 04.06.2026 → Beitrag hören

Abb.: Printemps des Comédiens

Den Anfang macht in der „Femminicity“-Reihe eine gebrochene Rippe. „Broken Rib“ entstand in einem Kulturzentrum im serbischen Novi Sad und erzählt in einigen krassen Bildern von einer jahrhundertealten Tradition häuslicher Gewalt von Männern gegen Frauen.

„Der Mann muss seiner Autorität Ausdruck verschaffen“, sagt hier in der serbisch-französischen Aufführung eine Performerin, „und dann schweigt man als Frau besser, um die Ehe zu retten. Das hat nichts mit Gewalt zu tun, das ist was Privates. Diese Klischees, Ideologien, Stereotypen haben allesamt eine einfache Botschaft: Eine Frau ist weniger wert als ein Mann.“

Mit diesen Worten ist das Spannungsfeld Frau-Mann markiert, auf das jede der fünf knapp einstündigen Aufführungen immer wieder zu sprechen kommt. Gefolgt jeweils von einer halbstündigen Debatte, die Sarah Raynal begleitet.

„Wir haben in Bezug auf die feministischen Kampffelder in den verschiedenen Ländern nicht dieselben Prioritäten. Aber wir haben es mit den denselben Herrschaftssystemen, mit derselben Form der Gewalt zu tun. Physische Gewalt, Femicide, und vergleichbare Vorstellungswelten: Mit welchen Rollenbildern wachsen wir auf? Was erzählt die Pop-Musik? Was sagt uns die Sprache?

Themen sind neben häuslicher Gewalt, Menstruationerfahrungen, auch gesellschaftliche Marginalisierungen. Und: Das abenteuerliche Leben einer Mutter in Polen.

„Willkommen auf dem Terrain der Motherpolis“. Eine Stimme aus dem Lautsprecher begrüßt eine gerade Mutter gewordene Frau. Zahllose Widrigkeiten erwarten sie. Das „Matkopolis“- polnisch für „Stadt der Mütter“ ist ein Spiel auf verschiedenen Leveln. Sie alle zeigen die Frau als Mutter in einem ewigen Kampf gegen eine nicht gerade Mutter-Kind-gerechte Gesellschaft.

Femminicity bringt Amateure und Profis zusammen, ist Grassroot-Feminismus, der vor allem Alltagserfahrungen kenntlich macht und den Austausch über die Frage fördert, was es bedeutet, heute in Europa eine Frau zu sein.

Eine Sonderstellung nimmt in der Aufführungsfolge der französische Beitrag „D.R.I.F.T“ ein, in dem ein junges weibliches Kollektiv der politischen Dimension der Frauenfrage nachgeht. „Warum sollen Feministinnen sich politisch engagieren?“ schreibt eine von ihnen auf eine große weiße Stellwand. Nach der Aufführung ziehen sich die Performerinnen in den Saal zurück, und überlassen ihre Fragen und die Bühne dem Publikum. Eine Frau mittleren Alters macht den Anfang.

„Warum wird verleugnet, dass der Feminismus hoch politisch ist. Warum wird geglaubt, dass Feminismus keine politische Debatte ist? Warum wird er als etwas individuelles und persönliches begriffen?“

Den Feminismus von einer individuellen zu einer öffentlichen Erfahrung zu machen, ist Ziel des Abends. Eine weitere Zuschauerin fordert in diesem Zusammenhang einen anderen Blick auf Frauen in der französischen Politik.

„Eine Methode, die Sichtbarkeit von Frauen in der Politik zu korrumpieren ist, sie im öffentlichen Raum nicht mit ihre Nachnamen zu präsentieren. Man spricht von Marine, von Ségolène, von Rachida. Ich erinnere mich genau: In meiner Kindheit trat im Präsidentschaftswahlkampf nicht Ségolène Royal gegen Nicolas Sarkozy an, man sprach von Ségolène und Sarkozy.“

Derzeit diskutiert Frankreich über Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Sänger und Schauspieler Patrick Bruel. Die Serie von Missbrauch, Vergewaltigung und anderer Formen sexualisierter Gewalt bleibt Herzstück der Feminismusdebatte. Im Fokus steht das Patriarchat, Metoo und auch noch einmal der Fall Pelicot.

“Eine patriarchale Argumentation kann auch von Frauen kommen. Einige Frauen haben im Fall Pelicot in Mazan die Vergewaltigungsserie geleugnet oder verklärten. Aber: Was geschieht unabhängig vom Geschlecht bei der Beherrschung eines Menschen durch einen anderen? Jenseits des Mann-Frau-Gegensatzes.“

Die französische Debatte überstrahlte die Beschäftigung mit dem Feminismus in Ländern des ehemaligen Ostblocks. Dennoch, als länderübergreifendes Debatten- und Aufführungsformat ist die Reihe ein gutes Experimentierfeld für Überschneidungen von Soziologie und Bühnenkunst.