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Dekolonisierung im Nationaltheater
Blickwechsel auf andere Geschichten
von Eberhard Spreng

Eines Tages wird sich die reale Diversität der französischen Gesellschaft auf den Bühnen wiederfinden lassen, in der Besetzung der Rollen. Aber gilt das auch für die Geschichten, die man dort erzählt? An den französischen Nationaltheatern sind einige davon in diesen Wochen schon angekommen.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 17.12.2023 → Beitrag hören

Adama Diop als Othello. Foto: Jean-Louis Fernandez

Wenige Monate vor seinem Tod im Jahre 2015 erlebte Luc Bondy als Direktor des Pariser Théâtre de l’Odéon eine heftige Debatte um seine Besetzungspläne für Shakespeares „Othello“. Er wollte die schwarze Titelrolle mit dem weißen Schauspieler Philippe Torreton besetzen. Dagegen protestierte eine neue Generation von Aktivistinnen und Aktivisten, die ganz allgemein eine fehlende Diversität auf französischen Bühnen beklagen. Sie fanden sich zum Kollektiv „Décoloniser les arts“ zusammen. Ein Gründungsmitglied ist die Frankovietnamesin Marine Bachelot Nguyen.

„Décoloniser les art entstand nach all den Debatten um Diskriminierung. Als eine weitere Konsequenz wurde das Programm „1ier Act“ etabliert: Nationaltheater wie das Odéon, die Colline und das Straßburger TNS veranstalten ausschließlich für junge Menschen aus dem diversen Umfeld Vorbereitungskurse für die Schauspielschulen.“

Die Prozesse der letzen Jahren tragen Früchte. In diesem Jahr spielte der schwarze Adama Diop die Rolle des Shakespearehelden Othello in einer neuen Inszenierung. Schwarze Körper in abendländischer Theaterliteratur, das ist mittlerweile allenthalben zu erleben, auch wenn keine schwarze Rolle zu besetzen ist. Birane Ba z.B. gibt Mackie Messer in Thomas Ostermeiers Inszenierung der „Dreigroschenoper“ am konservativsten der französischen Nationaltheater: Der Comédie-Française. Aber das sind, wenn man so will: Schwarze Körper auf weißen Bühnen oder in weißen Stücken. Sind damit aber auch schwarze Lebenswelten zwischen Diaspora, Flucht und Postmigration, Banlieue und Alltagsrassismus auf der französischen Nationalbühne angekommen? Dekolonisierung der Bühne, das heißt auch, Blickwechsel auf andere Geschichten. Der eben schon erwähnte Schauspieler Adama Diop wird nun auch als Autor präsent, sein Stück „Fajar“, eine sensible, poetische Antwort auf die Schrecken der Epoche, kommt demnächst auf die Bühne des Straßburger Nationaltheaters:

„Ich lebe seit zwanzig Jahren in Frankreich, und hatte zuvor zwanzig Jahre im Senegal gelebt. Mich interessiert die Frage: Sind wir Erben einer Gewalt und eines Schmerzes, die wir nicht persönlich erlebten? Also einer dunklen, historischen Gewalt, die wir nicht verstehen und die doch in unser Leben eingreift?“

Rébecca Chaillon. Foto: Su Cassiano

Auch die queere Rebecca Chaillon, deren Eltern aus Martinique einwanderten, reflektiert in ihren oft frechen Performances die Verletzungen in einem Alltag voller Rassismus, intoleranter Machtsysteme und absurder Regeln. Während ihre das Publikum in Wallung bringende Aufführung „Carte noir nommée Désir“ in diesen Tagen am noblen Odéon aufgeführt wird, zeigt sie im Theater ihres Geburtsorts Montreuil bei Paris eine weitere Performance: „Plutôt vomir que faillir“ „eher kotzen als scheitern“, ein Pubertätsdrama im popigen Schuldekor.

„Ich bin mit meiner Schwester und meinen Eltern aus Martinique aufgewachsen. Und mein Vater sagte mir immer wieder: ‚Du kannst dir nicht erlauben schwarz zu sein und schlecht in der Schule’.“

Wie in der Familie klarkommen und mit der Lehrerin, wie den emotionalen Schockwellen der Pubertät standhalten, wie die Veränderung des eigenen Körpers akzeptieren, gar seine Homosexualität? Rebecca Chaillon konzipiert ein enthusiastisch bejubeltes Stück Befreiung, das sie sich als Jugendliche gewünscht hätte.

„Bei all dem, was man schlucken muss, der ganzen Gewalt in unsere Gesellschaft, ihren Werten und Regeln, kam uns die Idee zu dem Titel „Eher kotzen als scheitern“. Das ist nicht einfach nur eine Adoleszenzkrise, sondern da ist eine Welt in der Krise. Ich hätte es jedenfalls toll gefunden, wenn man mir in meiner Jugend Werkzeuge an die Hand gegeben hätte, meinen Körper und die Welt besser zu begreifen.“

 

Eva Doumbia. Foto: Valérie Cachart

Wiederum am Nationaltheater in Straßburg wird Eva Doumbia, eine weitere afroeuropäische Künstlerin, ihr Stück „Le Iench“ zeigen und damit ein Blick in die bislang theatral kaum erforschte Lebenswirklichkeit der schwarzen Familie in Frankreich.

„Ich habe schon seit einiger Zeit vor, endlich einmal die französische, schwarze Familien von innen her zu erzählen, mit einem distanzlosen Blick ins Private: Das Haus, das Sofa, und eine Familie, die man auf Bühnen sonst nicht sieht.“

Nach den schwarzen Körpern der Schauspielerinnen und Schauspieler kommen nun auch allmählich – im Gewand der Show, der Farce und der poetischer Reflexion und mit großem Erfolg – die schwarzen Geschichten und Erfahrungswelten auf den Bühnen der französischen Nationaltheater an.