Das französische Theater befürchtet einen Sieg des Rassemblement National

Frankreich vor der Wahl
Kultur, tot oder lebendig?
von Eberhard Spreng

Die französische Theaterszene ist in großer Sorge, denn eine immer wahrscheinlicher werdende Regierung unter der Führung des Rassemblement National, kurz RN genannt, gefährdet in ihren Augen fast alles, was in der fünften Republik die Kulturnation Frankreich und ihre reiche Bühnenlandschaft ausmachte.

Deutschlandfunk Kultur, Rang 1 – 29.06.2024 → Beitrag hören

Das Théâtre des Célestins in Lyon, eines der wenigen kommunalen Theater Frankreichs. Foto: Dominique Dormet

Die Theaterszene ist im Panikmodus. Sorge bereitet den Kulturschaffenden das Desinteresse der herrschenden politischen Kräfte an Fragen der Kultur, auch jenseits des Rassemblent National, kurz RN genant. Dies beobachtet Pierre-Yves Lenoir, der in Lyon das Théâtre des Célestins leitet.

„Wir haben im Bereich der Bühnenkünste Gründe zur Beunruhigung im Falle eines Wahlsieges des RN. Aber Kultur ist ganz allgemein die große Abwesende im Wahlkampf. In der Fernsehdebatte der drei Parteispitzen am 25. Juni ist das Wort Kultur nicht ein einziges Mal gefallen.“

Das ist erstaunlich, denn gerade der RN hat in der Vergangenheit ja permanent bei Kulturfragen interveniert. Es geht bei der anstehenden Wahl um eine politische Grundsatzentscheidung mit historischer Dimension. Theaterprinzipalin Ariane Mnouchkine bemüht in der Tageszeitung Libération ein Vokabular aus dem Frankreich unter deutscher Okkupation.

„Wir stehen eventuell bald vor einem moralischen Dilemma: Was machen wir mit einem RN-Kulturminister? Wann laufen wir Gefahr, zu Kollaborateuren zu werden. Ab wann müssen wir unter einer RN-Regierung mit dem Theatermachen aufhören?“

Wer bestimmen will, was die Theaterlandschaft unter dem RN erwartet, hat nur Anhaltspunkte: Die Erfahrungen, die Kulturmenschen unter rechtsextremen Kommunalverwaltungen machten, die verstreuten Äußerungen der Parteispitze und ein dünnes Heftchen. Pierre-Yves Lenoir hat es studiert.

„Wer etwas über die kulturpolitischen Pläne des RN erfahren will, stößt nur auf ein 20-seitiges Heftchen aus Marine Le Pens Präsidentschaftswahlkampf von 2022. Da geht es ausschließlich um das Bauerbe. Es soll eine zentrale Rolle spielen bei der moralischen Wiederaufrichtung des Landes und dessen Rückkehr zu einem so genannten goldenen Zeitalter, also einem weißen und katholischen Frankreich. Zu lesen ist aber nichts über Bühnenkünste und Theater.“

Im aktuellen 22-Punkte Programm zu den Parlamentswahlen gibt es zu Kultur und Theater ebenfalls keine Aussagen. Was aber Kulturschaffende in Kommunen wie Orange, Vitrolles, Toulon in den 1990er Jahren erlebten, lässt Schlimmes befürchten: Das Ende von Subventionen für die freie Szene, Gängelung und Zensur der festen Institutionen. RN- Bürgermeister der neueren Generation bemühen sich um einen medial weniger auffälligen Regierungsstil, um das vom Marine Le Pen forcierte Projekt „Wählbarkeit“ für eine breite Bevölkerung nicht zu gefährden. Dennoch wäre unter einer RN-Regierung auch das Zusammenspiel der Gebietskörperschaften Gemeinde, Region und Staat bei der Kultursubvention an der entscheidenden Stelle gefährdet. Und hier spielt, im Gegensatz zu Deutschland, der Staat in Frankreich eine zentrale Rolle, wie die langjährige Leiterin eines Tanzfestival in der Provinz, Liliane Schaus erklärt.

„In Frankreich organisiert der Staat die Kultur. Er ist Garant für künstlerische Qualität. Das wird zwar an kulturelle Regionalverwaltungen delegiert. Aber das Geld kommt von oben, vom Staat.“

In Zukunft vielleicht nicht mehr, schon 2015 kündigte der RN drastische Mittelkürzungen an. Der Rassemblement National ist stark auf dem Land und schwach in den Metropolen. Kommt deshalb jetzt auf die großen Städte und die wenigen städtisch finanzierten Theater Frankreichs eine Asylfunktion für engagierte Bühnenkunst zu? Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo jedenfalls gründete vor kurzem ein neues Theater, das Elsa Boublil leitet.

„Die Bürgermeisterin hat einen klaren Standpunkt: Theater ist der beste Ort für die Stärkung der Demokratie. Das Erste, was Diktaturen unterbinden, ist Kultur. Deshalb hat sie das Kulturbudget für die nächsten zwei Jahre um 12,5 Millionen erhöht, was ganz ungewöhnlich ist.“

In der Tat, denn in Reaktion auf die erhebliche französische Staatsverschuldung hat schon die Macron-Regierung eine Streichung in Höhe von 200 Millionen Euro verordnet. Eine Folge war, dass Stéphane Braunschweig, der erfolgreiche Leiter des führenden Nationaltheaters auf eine Vertragsverlängerung verzichtete. Frankreich erlebt einen Riss, einen politischen und einen kulturellen. Der gehört zum Alltag von Éric Bart, dem Programmchef eines wichtigen Theaterfestivals in der südfranzösischen Großstadt Montpellier, vor deren Toren die Menschen mehrheitlich den Rassemblement National wählen.

Durch Frankreich geht gerade ein großer Riss. Aber was kann Theater in dieser Situation tun? Es sollte das Gemeinschaftsgefühl stärken. Peter Brook sagte immer, das Theater sei ein guter Grund zusammen zu kommen. Darum müsste es gehen. Aber Frankreich ist in großer Gefahr, es ist das erste Mal, dass ich das so empfinde.“