Neues Ausstellungshaus in Paris
Das Auto in uns
von Eberhard Spreng
Auf der Seineinsel Île Seguin stand ein legendäres Fabrikgebäude der Firma Renault. Nach dem Abriss der Gebäude entbrannte ein jahrzehntelanger Stadtplanungsstreit um die Zukunft der Insel. Nun wird sie zum Kulturstandort. Das neue Ausstellungshaus „Large“ eröffnet dort mit der Ausstellung „Moteur Imaginaire“, kuratiert von Cecilia Alemani, die 2022 die Venedig Biennale verantwortete.
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 18.10.2026 → Beitrag hören

Ein schwarz-gelber Formel-1-Bolide ist in der zentralen Ausstellungshalle des neuen Kunsthauses auf der Seine zu bewundern: Er ist grobschlächtig mit Acryl überpinselt, ein Zwitter zwischen Industrieprodukt und Kunstwerk. Wie Künstlerinnen und Künstler seit einem Jahrhundert auf den Mythos Auto reagieren, erzählt die italienisch-us-amerikanische Kuratorin Cecilia Alemani in ihrer Ausstellung „Moteur imaginaire“.
„Zwischen den USA, wo ich hauptsächlich lebe, und Europa gibt es große Unterschiede. Beim Thema Auto und Kunst denkt man in den USA sofort an Andy Warhol. Man denkt dort an große Fahrten, an weite Landschaften. In Europa dagegen ist das Automobil mit sozialen Prozessen assoziiert, mit der Werkhalle, mit Streiks. Dort Mythos, hier Produktion.“
1934 holten die Renault-Chefs den damals 22-Jährigen Fotografen Robert Doisneau ins Werk, um den Arbeitsalltag zu dokumentieren. Die Photographien des späteren Starphotographen sind an einer Wand versammelt, nicht weit von der berühmte Videofolge „Arbeiter verlassen die Fabrik“ von Harun Farocki aus dem Jahr 2006. Er sammelte in Filmen verschiedener Jahrzehnte den Moment des Schichtendes am Werkstor. Jemand, der proletarische Lebenswelten rund um das Automobil aus migrantischer Sicht dokumentiert, ist der Multimedia-Künstler Mohamed El Khatib.
„Der beste Freund meines Vaters arbeitete bei Renault. Er bekam 15% Rabatt. Also kaufte er die Autos für alle Freunde in seinem Viertel. Mich berührt der Stolz der Renault-Arbeiter, wenn sie in so einem Auto saßen. Die Firma war ein nationales Vorzeigeunternehmen. Sie wurden Teil von Frankreichs Größe, auch wenn ihre Arbeitsbedingungen jämmerlich waren.“
El-Khatib hat in seiner Installation „R-12-Cathédrale“ einen Renault-Kombi mit Koffern, Geschenken und Mitbringseln übervoll beladen. Er erinnert an die Fahrten der Vergangenheit in die maghrebinische Heimat.

Die meisten der gezeigten Werke stammen aus den Beständen des „Fonds Renault pour l’Art et la Culture“. Regenbogenfarbene Wellenlinien des Op-Art-Künstlers Julio Le Parc begrüßen das Publikum schon im Eingangsbereich des neuen, imposanten Kunsthauses auf der Île Seguin. Sie schmückten einst die Werkskantine. Im ersten Saal folgen dann Tafeln des Victor Vasarely; seine Werke hingen in der Cafeteria. Cecilia Alemani erklärt die Hintergründe.
„Die Firma hatte in den 1960er Jahren das Programm „Forschung, Kunst und Industrie“ aufgelegt. Es gab den weltweiten Trend, multidisziplinäre Dialoge zwischen den Visual Arts, der Industrie, Ingenieuren und Wissenschaftlern anzuregen. Renault interessierte sich für die Op-Art, weil deren Werke Bewegung und Wiederholung einfingen.“

Noch augenfälliger wird dieses Motiv in der kinetischen Kunst des Jean Tinguely. In seinem etwas melancholischen „Requiem pour une feuille morte“ von 1967 dient ein meterlanges Räder-und Hebelwerk letztlich nur dazu, ein totes Blatt in Bewegung zu halten.
Von der Begeisterung für Tempo, Bewegung, Mobilität wie dereinst im italienische Futurismus will die Schau „Moteur imaginaire“ nichts wissen. Aber auch nichts von der gewohnten, ökologisch orientierten Automobilkritik der letzten Jahrzehnte, für die es in der gegenwärtigen geopolitischen Lage genug weitere Argumente gäbe. Für Momente scheint es, als sei Cecilia Alemani allzu gnädig mit dem Umwelt- und Klimaschädling Auto. Aber die Kuratorin ergänzt die Werke aus der Renault-Sammlung mit einigen für diese Ausstellung in Auftrag gegebenen Arbeiten und die setzen andere, eher subtil pessimistische Akzente. Einer stammt vom anglo-französischen Oliver Beer, der zwischen Klangkunst und Malerei operiert.
„Diese Insel ist hier seit etwa 10 Tausend Jahren; der Flusssand, aus dem sie besteht, ist hier seit Millionen von Jahren. Dieses neue Museum und die Geschichte der Renault-Fabrik vorher sind im Vergleich dazu nur ganz kurze Momente. In einigen Hundert Jahren ist auch das vorbei, absorbiert vom Fluss, weggeschwemmt vom Wasser. Das macht mich demütig: Der Fluss ist der Grund, warum es diese Insel gibt und der Fluss ist der Grund, warum sie eines Tages auch wieder verschwinden wird.“

Die Erkenntnis der Vergänglichkeit schwebt über der ersten Schau im neuen Kunsthaus „Large“. Sinnlich eindrücklich etabliert es sich als neuer, wichtiger Akteur der Pariser Kunstlandschaft.