Cézanne und die Nachwelt
Einflüsse bis in die Gegenwart
von Eberhard Spreng
Gleich vier Institutionen – das Grand Palais, das Musée d’Orsay, das Musée de l’Orangerie und das Centre Pompidou – haben sich zusammengetan, um die Ausstellung „Cezanne et Nous“ aus ihren Sammlungsbeständen zu stemmen. „Cézanne und Wir“ zeigt die Einflüsse des Meisters auf Künstlerinnen und Künstlern bis in die Gegenwart. Und dabei kehren die Macherinnen und Macher zu der alten Schreibweise „Cezanne“ zurück, mit der der Meister einst seine Werke zeichnete.
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 23.09.2026 → Beitrag hören

Gleich drei „Badende“ sind im ersten Raum der Ausstellung zu sehen. „Le Grand Beigneur“, das Paul Cézanne um 1885 malte, gehört zu seinen bekanntesten Werken. Wolfgang Tillmans platzierte eine Postkartenreproduktion des Gemäldes in seiner Photographie von 2021 in einer Berliner Wohnung vor Raufasertapete; und Peter Doigs großformatiger „Bather“ von 2023 hängt in der Mitte, mit veränderter Körperhaltung und Blickführung. Claire Bernardi, die Ko-Kuratorin der Schau erklärt:
„Wir kennen ja alle die Verbindung zwischen der kubistischen Malerei und Cézanne. Aber es hat meines Wissens nie eine Ausstellung gegeben, die darüber hinaus den dauerhaften Einfluss Cézannes bis ins Heute gezeigt hätte.“
Die Cézanne-Nachfolger der ersten Generation sind im ersten Teil der weitgehend chronologisch organisierten Schau zu sehen. Eine von Cézannes Landschaften aus den früher 1880er Jahren hängt neben einem pointillistischen Pendant von Paul Signac. So wird augenfällig, wie nachhaltig Cézannes Farbstrategie auf spätere Techniken einwirkte. Seine „Konstruktion durch Farbe“ wird für das kommende 20. Jahrhundert prägend. Co-Kurator Michel Gauthier erklärt:
„Die Vorstellung von Cézanne als dem Vater der Moderne entwickelt sich mit der Geburt von Kubismus und Fauvismus. Der erste Teil der Ausstellung ist diesem Einfluss Cézanne gewidmet. Aber das gilt auch für die späteren Mondrian oder Malewitsch zum Beispiel – Nicht zufällig sagte Picasso: ‚Cézanne ist unser aller Vater’.“

Wie sehr sich in Cézannes Spätwerk die Abstraktion vorbereitet, zeigt ein Werk von 1906. In „Le Jardin des Lauves“ zerfällt eine kaum noch identifizierbare Natur in quasi auseinanderstrebende Farbflächen auf weißem Grund. Von Matisse bis Warhol, von Picasso bis Etel Adnan lassen sich Cézannes Motive wiederfinden. Und natürlich darf der Berg Sainte-Victoire bei Aix-en-Provence nicht fehlen, den Vera Molnár in ihrem Zyklus „Variations Sainte-Victoire“ von 1989 bis 1996 auf ihre Weise neu interpretiert.
„Vera Molnár war eine Pionierin der Computerkunst, von der man eine Verbindung zu Cézanne kaum erwarten würde. Mit computergenerierten Linien schafft sie in einer Serie von Bildern allmählich ein Felsenrelief, das den Berg „Sainte-Victoire“ nachzeichnet. Ein ganz erstaunliches Werk.“
Ebenfalls ikonischen Status haben längst Cézannes Apfeldarstellungen in seinen Stillleben. „Ich werde Paris mit einem Apfel zum Staunen bringen“ soll der Künstler verkündet haben. Tom Wesselmanns Kollage “Still Life #29” greift dies auf: Ein glänzender Apfel schwebt vor amerikanischem Küchendekor.
„Wir sehen Cézanne durch die Augen der Künstler. Wenn es Picasso, Braque, Mondrian, Hans Hofmann, Joan Mitchell und andere nicht gegeben hätte, würden wir heute nicht so auf Cézanne blicken. Jeder Künstler ist immer auch eine Erfindung seiner Nachwelt. Dieses „Wir“ im Titel ist eine Konstruktion großer Künstler in der Nachfolge von Cézanne.“

Die Ausstellung „Cezanne und Wir“ will Cézannes Erbe in mehrere Richtungen erkunden. Es geht um Maltechniken, um Motive und vor allem um die revolutionäre Einsicht, dass Kunst nicht Abbild der Natur ist, sondern ein paralleles Eigenleben führt. Sie hat ihre eigene Kohärenz und ästhetische Logik. Am Ende steht Versöhnung: Ein gewaltiges, viele Quadratmeter großes Stilleben des Belgiers Luc Tuymans, ein Krug und blasse Früchte, eine Komposition, die wie eine traumhafte Verheißung im Raum schwebt. Claire Bernardi erklärt.
„Luc Tuymans hat ein gigantisches Stilleben gemalt, kurz nach einem einschneidenden Moment in seinem und unser aller Leben: Nach dem 9/11 Attentat wollte er ein Historiengemälde anfertigen, aber mit Äpfeln, wie bei Cézanne: Keine Schlacht, keine Gewalt, sondern eine Nature morte, die zum inneren Frieden aufruft, wie man sie beim Betrachten von Cézannes Stillleben empfindet.“
Wer sich nicht nur für Gemälde interessiert, sondern vor allem für das Malen in seiner kunstgeschichtliche Dimension, der sollte die Ausstellung im Grand Palais sehen.