Volksbühne im Neustart
Traum und Hoffnung
von Eberhard Spreng
Zum Spielbeginn unter Intendant Matthias Lilienthal betrachtet Rimini Protokoll an der Volksbühne die Zeit um 1989 auf globaler Ebene. Sie markiert eine Phase der Hoffnung auf das Ende von autoritären Regimen. Das Stationen-Spektakel „House of Hopes“ zeigt dies als Hausbegehung für in Gruppen aufgespaltenem Publikum mit perfekt getaktetem Ablauf. Aber zuvor setzte Florentina Holzinger mit der Performance „House Wash“ auf dem Platz vor der Volksbühne ein Zeichen des Neuanfangs.
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 02.10.2026 → Beitrag hören

Fünf Performerinnen haben sich vom Dach der Volksbühne abgeseilt und machen sich mit Putztuch, Schrubber und Besen an der Fassade zu schaffen. „House Wash“ heißt die einmalige Performance, mit der Florentina Holzinger das legendäre Theaterhaus für die neue Intendanz fit macht.
“The house must be cleaned …”
Das Haus muss geputzt werden für neue Ideen, so ist zu hören. Wuchtige Gitarrenriffs dröhnen zum Sprechgesang vom Dach auf den Platz herunter. Florentina Holzingers wie immer nacktes Frauenensemble performt ein akrobatisches, großmäuliges und naiv-bombastisches Opening. Es endet mit drei Fontänen, die das Wasser des Schwimmbads in die Luft schleudern. Um das vorübergehende „Volksbad“ hatte es in den letzten Wochen öffentliche Debatten gegeben. Eine neue Epoche soll beginnen, eine Zeitmarke gesetzt werden.
Die eigentliche Eröffnungsinszenierung stellt die Volksbühne dann wieder in historische Zusammenhänge und positioniert sie in ein Geflecht globaler Befreiungshoffnungen rund um das Jahr 1989. Das „House of Hopes“ von Rimini Protokoll ist thematisch nicht weniger großspurig als Holzingers Performance. Aber es setzt ästhetisch und dramaturgisch am kleinen, privaten und persönlichen Geschichtserleben an.
„1989 arbeite ich schon zehn Jahren bei den Schindler Aufzügen. Als die Grenze aufgeht, freuen sich die deutschen Kollegen, wir anderen denken, „Ach du Scheiße“, jetzt wird es kritisch. Wir schauen diesem neuen Nationalismus zu wie einem unaufhaltsamen Puppenspiel. Deutschland willkommen und wir fühlen uns nicht willkommen“
Der Mann, der das sagt heißt Israel und ist Nachfahre namibischer Herero. Er steht auf dem Balkon des Volksbühnensaals – nur einer von mehreren Stationen der Hausbegehung. Das Publikum wurde gleich zu Beginn in verschiedene Gruppen aufgeteilt und die bewegen sich unabhängig voneinander durchs Haus und begegnen sich auf ihren Wegen. Was immer gleich bleibt ist die Dauer aller zehn parallel stattfindenden Performances Eine der Stationen ist das Sternfoyer der Volksbühne. Dort erzählt ein in Rostock geborener Schauspieler, wie Bukarest die Befreiung von Präsident Nicolae Ceauşescu erlebte. Seine Performance endet mit einem Klassiker der deutschen Pop-Geschichte: Mit Rio Reiser und seinem Ost-Berliner-Konzert im Vorfeld der friedlichen Revolution.
„Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß es wirklich nicht, ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: Dieses Land ist es nicht…“
Dieses “House of Hopes” sucht den direkten Weg zu den Emotionen. Das Publikum wird selbst zum Mitspieler gemacht. Mit drahtlosen Kopfhörern ausgestattet, lauscht es mit den Ohren den Erzählungen von Lebenslinien aus Europa, Asien, Amerika. Und die Augen erblicken derweil gelegentlich andere Publikumsgruppen und rätseln darüber, was die wohl gerade erzählt bekommen. Alle werden zu Statisten im großen Welttheater, machen ihre Entdeckungen, nur eben nicht alle zum selben Zeitpunkt.

Durch die auf die Sekunde genau getakteten Performances überblenden sich mitunter Ereignisse, die gleichzeitig an unterschiedlichen Orten des Globus stattgefunden haben. Zum Beispiel ist auf der gewaltigen Hinterbühne ein weiter runder Tisch installiert. Hier wird an eine Phase großer Verunsicherung in der polnischen Geschichte erinnert: An Verhandlungen zwischen dem kommunistischen Regime und der Solidarność.
„Ich sehe Unsicherheit in euren Gesichtern. Ihr Solidarność-Mitglieder, vertraut ihr denen? Wirklich? Sie können euch jederzeit verhaften.“
Während eine Publikumsgruppe am runden Tisch sitzt, strömt eine andere in den Raum, deren Thema aber China ist und die Studentenproteste, die 1989 zum Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens geführt haben. Davon berichtet eine in Berlin lebende chinesische Zeitzeugin. Sie darf nicht identifiziert werden und tritt daher unter dem Pseudonym Zhu Yuan auf. In China ist die Erinnerungen an die Ereignisse von 89 streng untersagt und Zhu Yuan will auch weiterhin ihr Heimatland bereisen können. In ihrer Figur ist das ganze Drama des Projekts verkörpert: Was das deutsche Publikum als gemeinschaftsstiftenden Erinnerungsabend erlebt, als Blick auf den globalen Kontext der eigenen jüngere Geschichte, ist für Menschen anderer Länder eine nicht verheilende Wunde und unausgesetztes Ringen um Freiheit. 37 Jahre nach 1989 scheint der Freiheitsimpuls erstickt, sind autoritäre Regime auf dem Vormarsch, sind Demokratien auf globaler Ebene eine kleine Minderheit. Mit „House of Hopes“ feiert die Volksbühne einen vergnügten und anrührenden Abend, als einen hellen Moment vor verdüstertem Hintergrund.