Proteste bei France-Inter
Streik gegen Rechts
von Eberhard Spreng
In Frankreichs öffentlichem Radio haben Gastkolumnisten Tradition. Sie kommen oft von den Printmedien und bereichern das Programm mit kurzen pointierten Meinungsäußerungen. Beim führenden Sender France Inter führt eine Neuberufung des rechten Journalisten Charles Sapin von den „Valeurs Actuelles“ nun zu Protest und Streik. Das Blatt ist für Hetzkampagnen bekannt, die wiederholt gerichtlich geahndet wurden.
Deutschlandfunk, @Mediasres, 14.09.2026 → Beitrag hören

Bonjour Charles Sapin. – Bonjour. – On vous retrouve le dimanche matin…
30. August, 7:40. Die Moderatorin begrüßt den Kolumnisten Charles Sapin für seinen ersten Auftritt im Programm von France Inter. Er wird über die gewaltigen französischen Staatsschulden sprechen, die auf die oder den künftigen Präsidenten warten. Nichts, was Protest begründen müsste. Der Grund, warum Sapins Berufung als Kolumnist bei der Belegschaft des Senders zu Protesten führt, ist eher allgemein politischer Natur: Ein Kollege vom Wochenblatt „Valeurs Actuelles“ ist für sie inkompatibel mit einem öffentlichen Hörfunkmedium. Denn die Valeurs Actuelles sind ein rechtes Meinungsmedium, das 2023 wegen „öffentlicher rassistischer Beleidigung“ verurteilt wurde und 2015 wegen „Volksverhetzung und Diskriminierung“. France Inter Chefin Céline Pigalle lud Charles Sapin allerdings ins Programm, kurz bevor dessen Berufung zu den Valeurs Actuelles bekannt wurde. Im Programm von France Inter erklärt sie ihre Gründe.
„Mir ging es um die Umsetzung der Pluralismusforderung. Im Jahr vor den Präsidentschaftswahlen wollte ich eine politische Kolumne an eine Journalistin des „Nouvelle Obs“ vergeben und suchte dann nach einem Pendant aus dem Spektrum der demokratischen Rechten. Pluralismus ist für öffentliche Hörfunkmedien fundamental wichtig. Denn es gibt immer mehr Medien, die nur ein politisches Lager ansprechen. France Inter ist das Gegenteil. Es ist die Agora, die für jeden offen ist.“
Der Fall ist eingebettet in einen hochgradig polarisierten Meinungskrieg zwischen den öffentlichen Medien und den rechten Privatmedien, von denen viele zum Imperium des Multimilliardärs Vincent Bolloré gehören; allen voran der TV-Kanal CNews und das Radio Europe 1. Das echauffiert sich derzeit mit Spottreden über den vermeintlichen linken Lagerjournalismus bei France Inter, der abweichende Meinungen nicht einmal zweieinhalb Minuten pro Woche aushält. Die „Valeurs Actuelles“ hingegen gehören nicht Vincent Bolloré, sondern einem weiteren, katholisch-identitären Financier: Pierre-Édouard Stérin möchte das für seine aggressiven Positionen bekannte Blatt für die kommenden Präsidentschaftswahlen offenbar für breitere rechte Kampagnen öffnen. Dazu berief er wohl den eher gemäßigten Journalisten Charles Sapin aus dem konservativen Establishment. Zu Sapins Agenda gehört ein neues Wording, um die „Extreme Rechte“ in die Mitte der Gesellschaft hineinzuformulieren.
„Der Begriff ’Extreme Rechte’ wird für drei ganz unterschiedliche Dinge verwendet: Den genozidären Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, faschistische Gruppierungen, die vom gewaltsamen Umsturz der demokratischen Institutionen träumen und dann, was nichts damit zu tun hat: Konventionelle Parteien, die sich seit fünfzig Jahren zur Wahl stellen, kein einziges Wahlergebnis angefochten haben und Teil des demokratischen Kräftespiels sind.“
Der Fall Charles Sapin und France Inter hat in fast allen Medien Frankreichs eine breite Debatte ausgelöst, die von drei Vektoren angetrieben wird: Zum einen positioniert sich die Medienlandschaft mit Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen neu, zum anderen erhöhen rechte Privatisierungsforderungen den Legitimationsdruck auf den öffentlichen Rundfunk und drittens haben die Medienaufsicht und der Verfassungsrat den Pluralismusbegriff für die klassischen elektronischen Medien neu gefasst: Das simple Zählen von Sendeminuten von Politikerinnen und Politikern reicht nun nicht mehr: Es sollen auch Positionen von Kommentatorinnen, Kolumnisten und Talk-Show-Gästen zur Beurteilung von Pluralismus mit einbezogen werden. Pluralismus ist in Frankreich ein Ziel mit Verfassungsrang und gehört damit auch zum Aufgabenbereich von Kulturministerin Catherine Pégard.
„Als ehemalige Journalistin denke ich, dass France Inter ein offenes Haus sein sollte und dass alle seine Kolumnisten ihre Meinungen frei vertreten sollen, auch unabhängig von den Medien, für die sie normalerweise arbeiten. Ich finde es gefährlich, wenn hier aufgrund von Vorurteilen Blockaden errichtet werden. Andererseits muss dieser Kolumnist auf politische Kampagnen und Hasskommentare verzichten und im demokratischen Debattenspektrum bleiben.“
Noch hat Frankreich einen öffentlichen Rundfunk, den rechte Parteien, allen voran der Rassemblement National, abschaffen wollen. Auch vor diesem Hintergrund muss die Protestbewegung bei France Inter gesehen werden.