Neuer Kulturstandort in Paris
Kunst soll erinnern was Architektur vergisst
von Eberhard Spreng
Im Südwesten von Paris liegt die Seineinsel Île Séguin. Dort stand ein legendäres Renault-Werk, das vor 20 Jahren abgerissen wurde. Es folgte der erbittertste Stadtplanungsstreit der letzten Jahrzehnte. Jetzt wird dort mit einem neuen privaten Kunsthaus „Pointe des Arts“ für zeitgenössische Kunst ein Kulturhotspot vollendet. Ein Baustellenbesuch.
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 24.05.2026 → Beitrag hören

Maschinenlärm begleitet zahllose Journalistinnen und Journalisten auf dem Weg zur Baubesichtigung eines neuen großen Ausstellungshauses für zeitgenössische Kunst auf der parisnahen Seineinsel „Île Séguin“. Es ist die Vollendung eines Kulturstandortes auf dem abgerissenen Areal, wo bis 1992 Autos gebaut wurden. Der heutigen Präsident der Renault Group Jean-Dominique Senard erinnert sich beim Pressetreffen sichtlich bewegt.
Gestatten sie mir den gewagten Vergleich: So wenig wie man die Sixtinische Kapelle von Michelangelo trennen kann, so wenig kann man diese Insel von Renault trennen. Millionen Autos wurden hier gebaut, bis zu 30 Tausend Arbeiter waren hier beschäftigt. Was für ein industrieller Bienenstock, einmalig in der Welt! Alle 90 Sekunden fuhr ein Auto aus der Fabrik.“
„Boulogne ermordet Billancourt“ schimpfte Stararchitekt Jean Nouvel im März 1999 in der Tageszeitung Le Monde, als klar wurde, dass die nach dem Umzug Renaults leerstehende Fabrik verschwindet. Nicht einmal ein förmliches Denkmalschutzverfahren war für den Gebäudekomplex eingeleitet worden, der sich wie ein Ozeandampfer ins Flussbett der Seine ausnahm: Eine Ikone der Industriearchitektur. Frankreich legt zwar viel Wert auf den Erhalt seiner Kirchen, Schlösser und repräsentativer Bürgerbauten, ist aber bei seinem industriellen Bauerbe traditionell etwas blind. So wurde die so genannte „Arbeiterfestung“ auf der „Île Séguin“ geschleift, und es kam der wohl größte französische Stadtplanungsstreit der letzten Jahrzehnte in Gang: im Spannungsfeld von Ökologie, Ökonomie und Kultur.

Jean Nouvel vermutete, dass hier das bürgerliche Frankreich sein proletarisches Erbe in der schicken Banlieue im Südwesten beseitigen wollte. Diese Wunde soll der neue Kulturstandort heute mit reflektieren. Kunstsammler und Immobilienmanager Laurent Dumas freut sich über dessen künftige Vielfalt.
„Auf dieser Insel entstehen Kinos, einen Konzertsaal gibt es schon; es kommt ein Skulpturenpark und nun mein Ausstellungshaus dazu. Und hier wollen wir Künstler zeigen, die in Frankreich leben und arbeiten. Aber sie sollen von Kuratorinnen und Kuratoren aus dem Ausland präsentiert werden. Die bringen eine andere Sichtweise mit, und die sollen ins „Offene“ führen.“
Die große Eröffnungsausstellung betreut die italienisch-amerikanische Kuratorin Cecilia Alemani. Bekannt ist sie vor allem, weil sie 2022 die Venedig-Biennale verantwortete. Jetzt obliegt es ihr, das verdrängte proletarische Erbe der Insel ins Bewusstsein zurückzuholen. Und dazu gehören auch die zahllosen Arbeitsmigranten bei Renault. Sie sind Thema im Werk des Theaterregisseurs und Multimedia-Künstlers Mohamed El Khatib.
„Mohamed el Khatib schafft ein neues Werk. Ein Renault R 12, auf dessen Dach Koffer aufgestapelt sind. Er nennt es die „Autokathedrale“, sie greift eine vertikale Spiritualität auf und ist zugleich ein mobiles Habitat, das migrantische Arbeiter aus Nordafrika für den Sommerurlaub in ihre Herkunftsländer zurückbrachte.“
Und die Architektur, die das katalanische Büro, die Pritzkerpreis ausgezeichneten RCR-Arquitectes verantworten? Architektin Carme Pigem:
„Die Renault-Geschichte war uns wichtig, aber auch das, was vor Renault hier auf der Insel war. Das Leben hört ja nicht auf, und jetzt schreiben wir ein neues Kapitel.“

Zum neuen Kapitel im Buch der Großraums Paris gehört auch, dass die Insel Dank neuer Verkehrsanbindungen zu einem neuen Knotenpunkt des Grand Paris werden soll, zu einem Kultur-Hotspot einer sich in diesen Jahren neu erfindenden Metropole. Der lokale Bürgermeister Pierre-Christophe Baguet schwärmt.
„Eine Station des Grand-Paris-Express wird bald hier eröffnen. Das heißt: 18 Minuten vom Flughafen Orly bis hier. Die Metrolinie 12 soll verlängern und hier eine Station mit dem Namen ‚Île Séguin’ bekommen. Warum das alles? Wir erwarten in Zukunft zwei Millionen Besucher jährlich auf der Insel.“
Die neue île Séguin ist ein weiteres Beispiel für einen Kulturbetrieb, der immer mehr von privaten Initiativen geprägt wird. Sie zeigt aber auch, wie schwer sich die Freizeit- und Unterhaltungsgesellschaft von heute dabei tut, Erinnerungskulturen aus dem produktiven 20-ten Jahrhundert lebendig zu halten. Denn in der sich nun abzeichnenden Gestalt des Ortes lässt sich architektonisch nicht einmal ahnen, dass hier einmal das Herz der französischen Industrie schlug.