Claudia-Bauer-inszeniert-Armin-Petras-Theaterversion-von-Bulgakows-Hundeherz

Bulgakows „Hundeherz“ auf der Bühne
Big Daddy is watching you
von Eberhard Spreng

In Michail Bulgakows satirischer Erzählung „Hundeherz“ entsteht in einem chirurgischen Experiment ein aggressiver „Hundemensch“, der sich zur Plage für seinen Schöpfer entwickelt. Bulgakow karikierte 1925 so die Bestrebungen der jungen Sowjetunion, einen „neuen sowjetischen Menschen“ zu schaffen. Eine neue Sicht auf den Stoff versucht Armin Petras in seiner Theaterfassung, die Claudia Bauer am Hamburger Schauspielhaus urinszeniert.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 25.04.2026 → Beitrag hören

Oscar Olivo, Angelika Richter (Foto: Thomas Aurin)

Auf der Vorderbühne hockt ein großer Stoffhund, hechelt, blickt ins Publikum, schüttelt sich das Fell. Irgendwie lieb ist diese Kreatur und lenkt sofort die ganze Sympathie des Publikums auf sich. Umso mehr als all die grellen Menschenfiguren um ihn herum wie Mutanten wirken. Eine verrückt gewordenen Zivilisation hat sie in Freaks verwandelt, in durchgeknallte Wissenschaftler, Ki-Avatare und Propagandafunktionäre.

„Ich arbeite ja im Wahrheitsministerium in der Holo-Abteilung. Wir machen ja das wahre Kino. Wir steuern die Diskussionen im öffentlichen Raum. Das ist ja die wichtigste Funktion der Demokratie, verstehen sie.“

Entfernt hat die Theaterbearbeitung von Armin Petras noch etwas mit dem „Hundeherz“ zu tun, mit dem Michail Bulgakow vor rund 100 Jahren einen satirischer Blick auf die Umerziehungsprojekte warf, die aus dem Proletarier den modernen Sowjetmenschen formen sollten. So steht auch in Claudia Bauers quirlig-bunter Revue die grausame Operation am Anfang, mit der unserem netten Straßenköter die Hoden und die Hypophyse eines Alkoholikers und Kriminellen eingepflanzt werden. Bettina Stucky spielt mit greller Perücke und blutiger Schürze die Chirurgin und Genforscherin; Oscar Olivo führt die Hundepuppe, bevor er zu einem dämonischen Menschen mutiert: Aus seinem lieben Hund wird ein böser Zweibeiner, der sogleich auf alles Andersartige Jagd macht. In seiner aufgepumpten Uniform erinnert er später an alle Häscher und Schergen seit Nazi-Deutschland. Ideologischer Hintergrund von Text und Aufführung ist eine Zweiklassengesellschaft, in der die Gen-Technik der Herrschenden auf die Charaktereigenschaften der hier Proles genannten Unterschicht losgelassen wird.

„Was wir hier machen ist Rebranding der Eugenik. Das bestreiten wir natürlich. Es gibt prekäre Leben, die einfach nicht viel Wert sind aber die sind extrem wichtig, als Unterlage, als Basis. Es gibt die Anderen, die Guten, die Wertvollen, das Genmaterial der Anderen: Der Ruler. Wir versuchen aus dieser Kluft etwas zu machen. “

Ein ausgeklügeltes Zusammenspiel von hoch aufragenden und beweglichen Dekorelementen und Videoprojektionen zaubert unter anderem dystopische Stadtlandschaften auf die Bühne. In ihnen taucht als gewaltige Leuchtreklame immer wieder das maliziös lächelnde Gesicht von „Big Daddy“ auf. Überwachung, Eingriff der Obrigkeit, Posthumanismus, KI, restriktive Bevölkerungspolitik. Natürlich sollen wir da an alle aktuellen Formen des Totalitarismus denken und seine mit Technik bewerkstelligten Eingriffe in das Denken, Fühlen, die Biochemie und Genetik des Menschen. Aufgehübscht wird dieser Rundumschlag mit Figuren und Metaphern aus der Unterhaltungsindustrie: Ein Robert de Niro tritt auf und eine dauergeliftete Cher. Von Gotham City ist die Rede, dem Schauplatz der finsterten Batman-Stadtgesellschaft. Denken darf man auch an Frankensteins Monster sowie an alle anderen dunklen Kreaturen einer dystopischen Kinogeschichte. Soundesigner Andi Otto, begleitet dazu einen kleinen Chor mit Popzitaten und Revolutionsliedern der Vergangenheit und endet mit einer coolen Wüsten-Klanglandschaft im Stil von Ry Cooder:

“Escape aus Gotham-City, like a movie…“

Claudia Bauer und ihr Bühnenbildner Andreas Auerbach zaubern berauschende Bildwelten auf die Bühne des Schauspielhauses und ein durchgängig hochmotiviertes Ensemble lotet in burleskem Spiel und in Variété-Kostümen alle komischen Grenzbereiche zwischen Mensch, Tier und Cyborg aus. Ganz anders als ihren früheren formstrengen Inszenierungen sprachgewaltiger Textvorlagen, ist diese Claudia Bauer Produktion eine ausgelassene Illustration eines umherfabulierenden Textes, der alles mal steift und nichts vertieft. Diesem Durcheinander konnten nicht alle im Publikum bis zum Schluss folgen. Am Ende ist es wie so oft im deutschen Stadttheater. Pompöse spielerische, optische und akustische Potentiale maskieren dürftige dramaturgische Konzepte, wie zuckersüße Drops, die, einmal gelutscht, einen saueren Geschmack hinterlassen.