Art Basel Hongkong
Was bleibt ist: Zynischer Realismus
von Eberhard Spreng
Seit 2013 veranstaltet die Art Basel ihre asiatische Kunstmesse in Hongkong und reagiert damit auf das wachsende Interesse von dortigen Sammlern am internationalen Kunstmarkt. In diesem Jahr verschärft die chinesische Führung kurz vor der Messe das Sicherheitsgesetz für Hongkong. Jederzeit kann nun die Herausgabe von digitalen Endgeräten und Passwörtern verlangt werden. Wird das auf der Messe diskutiert?
Deutschlandfunk, Kultur Heute – 29.03.2026 → Beitrag hören

Wenn das große Hongkonger Museum M+ am Abend schließt, flammt an seiner großen Außenfassade ein flächendeckendes Video Panel auf. Es zeigt eine Sonderschau im Rahmen der Art Basel. Aquarelle, die an frühe Höhlenmalerei erinnern. Das Panel strahlt über das Wasser des Victoria Harbour bis nach Hong Kong Island, wo die Art Basel ihre Schau ausrichtet. In diesen Tagen hat sie mit Hongkong vereinbart, dass diese auf dem asiatischen Kontinent für die nächsten fünf Jahre der einzige Art-Basel-Hotspot bleibt. Dem wachsenden Einfluss Pekings zum Trotz. Wird das in Hongkong diskutiert? Eine Vertreterin einer vielen Hongkonger Galerie reagiert auf die Frage vorsichtig.
„Oh … entschuldigen Sie, aber das ist ein heikles Thema. Denn das Nationale Sicherheitsgesetz ist jetzt sehr weitgehend. Bitte verstehen sie, dass ich da nicht allzu tief eintauchen möchte. Denn ich will hier in Hongkong bleiben. Und wir müssen uns nun mal dem National Security Law unterwerfen.“
Namentlich genannt werden will sie so wenig wie andere Mitwirkende der Kunstschau. Dass Hongkonger Kulturarbeitende vor öffentlichen Aussagen zurückschrecken, ist zu verstehen. Wie aber reagieren Galeristen aus dem westliche Ausland? Auch Olivier Maréchal aus Paris ist ausweichend.
„Also ehrlich gestanden verfolge ich die politischen Entwicklungen hier in Hongkong nicht. Wir haben ja auch genug eigene Probleme in Frankreich. Ich kümmere mich hier ausschließlich um Kunst, die Hongkong ganz wunderbar und wie sonst nirgendwo auf der Welt zeigt.“
Ein paar Meter weiter sind bei einer süd-koreanischen Galerie verträumte Landschaftsbilder im Stil der Romantik zu sehen, die Märchenszenen zu bebildern scheinen. Die Galeristin:
„Vielleicht gibt es Druck auf einige Künstler, die sich über Freiheit ausdrücken wollen, oder politische Themen. Aber unsere Künstler haben keine politischen Themen. Es geht eher um persönliche Reiserfahrungen, Landschaften, Kindheitserinnerungen.“
Immer wieder Scheu und Abwehr. Es ist fast so, als gäbe es hier einen Konsens darüber, dass zu Politik geschwiegen wird. Tatsächlich sind künstlerische Positionen zu aktuell brennenden Fragen von Repression, Vertreibung, Klimawandel, Flucht und Krieg quasi abwesend, und Queeres natürlich sowieso. Und die wenigen Werke mit möglichem politischen Kontext sind nur im digitalen Katalog der Schau zu sehen. Ausgestellt sind sie in der Regel nicht. Ist die Schere im Kopf, die einzurichten das umfassende Sicherheitsgesetz wohl beabsichtigt, auf der Kunstmesse schon fest installiert? Mario Cristiani betreibt die global operierende Galeriacontinua.
„Wir hatten mal vor Jahren einen Künstler aus Südafrika, der „Fuck“ auf einen Buddha geschrieben hatte. In Shanghai auf der Kunstmesse wurde uns verboten, das Werk auszupacken. Wir haben dann die Kiste ausgestellt mit der Aufschrift, dass wir den Inhalt nicht auspacken dürfen. Sonst gab es keine Probleme. Ich vermute, die Autoritäten wollen Skandale vermeiden, über die womöglich die Zeitungen schreiben.“
Um besser zu begreifen, worüber geschwiegen werden muss, sollte man die schicke Hongkonger Kunstblase verlassen und im einige hundert Kilometer entfernten von China massiv bedrohten Republik Taiwan nachfragen, bei Kurator Yi Wei Keng.
„Es ist komplex: Peking will Hongkong kontrollieren. Einerseits. Andererseits soll der Welt ein freies Honkong präsentiert werden. Nicht alle werden ins Gefängnis gesteckt; man signalisiert Einzelnen, dass sie aufpassen müssen. Zugleich unterstützt Peking Hongkong bei großen Kunstereignissen. Es gibt keine Probleme, wenn Politik außen vor bleibt, und nichts zu Xi Jinping gesagt wird oder der kommunistische Partei.“
In einer Verbindung von Marktlogik und hoch elastischen Wertbegriffen in Bezug auf Menschenrecht und Demokratie schafft die Art Basel die Illusion einer puren, politikfreien Kunst. Zu der gehört auch ein Gemälde mit drei krampfhaft lachenden Gesichtern des international mit seinem immergleichen Bildmotiv berühmt gewordenen Yue Minjun. Er ist so etwas wie der Klassiker des „zynischen Realismus“ seit den 1990er Jahren. Eine Form des Humors, der auf die politische Realität selbstironisch mit einer eingefrorenen Pose antwortet. Mehr als das ist von einer Kunstmesse hier wohl nicht zu erwarten.