Die-Pinault-Collection-zeigt-moderne-und-zeitgenössische-Positionen-in-der-Tradition-der-Hell-Dunkel-Malerei

Ausstellung in Paris
Caravaggios späte Erben
von Eberhard Spreng

Einige große Namen der neueren Kunstgeschichte finden sich in der aktuellen Ausstellung der Pinault-Collection: „Clair-obscur“. Das ist die französische Übersetzung des Chiaroscuro, der Hell-Dunkel-Malerei in der Folge der Renaissancekunst. Wie dieses Erbe in die Moderne und die zeitgenössische Kunst einwirkt, ist Thema der Ausstellung.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 17.03.2026 → Beitrag hören

Victor Man „Titiriteros“ (2023), Pinault-Collection.

Rund Hundert Werke von knapp 30 Künstlerinnen und Künstlern der Moderne und Gegenwart versammelt die Ausstellung „Clair-Obscur“ im Rundbau der ehemaligen Bourse de Commerce. Kuratiert hat die Schau Emma Lavigne.

„Die Ausstellung reflektiert den derzeitigen Weltzustand des 21. Jahrhunderts, das immer mehr Brüche und Risse offenbart, die an das frühe 20. Jahrhundert erinnern. Viele zeitgenössische Künstler machen sich zu den Quellen der Kunst auf, weg von der triumphalen Moderne hin zu den Schattenzonen der schwarzen Romantik, des Tenebrismus, des Caravaggismus’. Das Hell-Dunkel ist ein sehr dynamisches Oxymoron, ein sehr kraftvoller Gegensatz. In ihm ist die Welt besser abgebildet, als in einer aseptischen, künstlichen Lichtfülle.

Am besten schaut man auf diese Ausstellung durch eine innere Hell-Dunkel-Brille, erinnert sich also an Caravaggio und all die anderen Meister des Chiaroscuro und legt deren turbulente Zeiten als Filter über den Blick auf unsere verwirrende Gegenwart.

„Auf die Philosophie der Aufklärung und der Renaissance, ihren Rationalismus und ihre Klarheit folgten die Napoleonischen Kriegen, die Europa in ein Blutbad verwandelt haben. Der Tenebrismus eines Francisco de Goya entstand da: Aus der Ambivalenz des Verhältnisses von Licht – und Schattenseiten der Geschichte.“

In der Pariser Schau ist nur ein Künstler zu sehen, der seinen historischen Vorbildern ganz unmittelbar auch in der Wahl der Motive nachfolgt: Der 52 Jährige Rumäne Victor Man. Seinem Werk ist ein ganzer Raum gewidmet. Dieses Herzstück der Schau hat Jean-Marie Gallais kuratiert.

„Victor Man glaubt an Kontinuität in der Geschichte der figurativen Malerei: Er fühlt sich als ein Zeitgenosse der Renaissancemaler und des 17. Jahrhunderts. Er hat dieselbe Virtuosität beim Umgang mit Licht und Schatten wie die großen Namen aus dieser Zeit, Caravaggio und andere, hier aber ist es vor allem El Greco.“

Drei Frauen stecken auf Victor Man Gemälde „Titiriteros“ im fahlen Licht einer kleinen Flamme ihre Köpfe zusammen. Das ist das emblematische Motiv des Ausstellungsplakats und ein direktes Bildzitat von El Grecos allegorischem Gemälde „La Fábula“ von 1580, das allerdings nicht ausgestellt wird, ebenso wenig wie Werke anderer Meister der klassischen Hell-Dunkel-Malerei. Es geht hier nicht um die Illustration simpler Verbindungen von alt und neu, sondern darum, die Dynamik des Helldunkels in der modernen und zeitgenössischen Kunst aufzuspüren: Im Video, Photografie, Malerei und Installation.

Bill Viola „Fire Woman“ (2005), Pinault-Collection

Eine dramatische Flammfront hinter einer Figur in schwarzem Gewand steuert Videokünstler Bill Viola bei, einen subtilen Übergang von Dämmerungsfarbflächen Wolfgang Tillmans. Philippe Parreno fasst im Untergeschoss Goyas verfinsterte „Pinturas Negras“ in eine immersive Video- und Soundstallation.

Im zentralen Lichthof unter der Kuppel der Bourse de Commerce zeigt Pierre Huygues sein potenziell unendliches, bildmächtiges Video „Camata“: Ein Skelett in einer Wüste, umgeben von Robotern mit ruhigen, fürsorglichen Bewegungen. Emma Lavigne.

„Pierre Huygues Film operiert auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Er zerbricht das Zeitkontinuum, lässt z.B. Nacht auf Morgendämmerung folgen. Sensoren steuern in Echtzeit die Montage, die das Material ständig neu zusammenstellt.“

Pierre Huygues „Camata“ (2024), Pinault Collection

Ist das Ende der Menschheit zu bestaunen, sind hier Maschinen zu Archäologen geworden? Ist das Posthumanistisch und Post-Historisch, eine erratische, digital gesteuerte Bildfolge ohne jede Dramaturgie?

„In der Atacama-Wüste fahnden die mächtigsten Teleskope der Welt nach dem potenziellen Leben auf den Exoplaneten außerhalb unseres Sonnensystems. Hier also, in dieser Umgebung, vollführen Maschinen Gesten, die entfernt an Bestattungen erinnern – Pierre Huygues feiert sie als technologisch-metaphysisches Ritual.“

„Clair-Obscur“ ist eine Schau, die in einem elementaren Spannungsraum der Kunstgeschichte meditiert und mitunter verblüffende Assoziationen präsentiert. Das ist trotz des anspruchsvollen Themas sinnlich unterhaltend und zielt unverhohlen auf Wohlfühlqualität in finsteren Zeiten.