Museum-fuer-moderne-Kunst-in-Warschau-zeigt-The-Woman-Question

Ausstellung in Warschau
500 Jahre Frauenfrage
von Eberhard Spreng

Vor einem Jahr wurde das Museum für Moderne Kunst in Warschau eröffnet. Jetzt zeigt das Haus: „The Woman Question“. Kuratorin Alison M. Gingeras versammelt Werke von 150 Künstlerinnen. Sie will nichts weniger, als den Blick auf die letzten fünfhundert Jahre Kunstgeschichte aus weiblicher Perspektive völlig neu zu öffnen.

Deutschlandfunk – Kultur Heute, 23.11.2025 → Beitrag hören

Betty Tompkins Apologia (Artemisia Gentileschi #2), Courtesy of Betty Tompkins and P·P·O·W, New York

Eine weibliche Gestalt hockt über einem schlafenden Mann. Sie hat ihre Rechte weit erhoben und ist im Begriff, ihm einen tödlichen Schlag zu versetzen. Die US-amerikanische Künstlerin Betty Tompkins hat ein Renaissancegemälde der Artimisia Gentileschi – „Jael und Sisera“ – umgedeutet, indem sie das üppige Gewand der Protagonistin mit einer rosa Schrift überzieht. Das sind Geständnisse von Männern, die sich sexuelle Übergriffe auf Frauen zuschulden kommen ließen. Diese Kollage schmückt auch das Plakat zu der Ausstellung unter dem Titel „The Woman Question“ – die Frauenfrage – , den Kuratorin Alison Gingeras erklärt.

Der Ausstellungstitel kommt aus einer Zeit, als es den Feminismus noch gar nicht gab. 1405 schuf Christine de Pizan hierfür erst die Grundlagen: Mit ihrem „Buch von der Stadt der Frauen“ wird die Frau erstmalig zu einer politischen und sozialen Kategorie.

In neun Abteilungen entfaltet sich eine umfassende Gesamtschau weiblicher Kunstproduktion von 1550 bis 2025. Eine dieser Abteilungen, „Femmes Fortes“, also „Starke Frauen“, ist ein Genre der Renaissance und bildet den Anfang: Neben der Darstellung großer Herrscherinnen sind dies biblische und antike mythologische Themen, wie das der keuschen Susanna und die ihr nachstellenden alten Männer, dem Artemisia Gentileschi 1610 ein völlig neues Narrativ verschafft.

Ihre „Susanna und die Alten“ stellt nicht den nackten Frauenkörper aus sondern zeigt ihren Widerstand, und damit den Kampf gegen den Umstand, dass sie, wie dies damals üblich war, nicht Besitzerin des eigenen Körper ist“

Artemisia Gentileschi „Susanna und die Alten“ (Detail) – Collection of Paul Graf von Schönborn-Wiesentheid

Wie Artemisia Gentileschi, selbst Opfer einer Vergewaltigung, waren viele Künstlerinnen in ihrer Zeit wohlgekannt und erfolgreich. Erst viel später verschwanden sie aus der Wahrnehmung. Die Ursache hierfür verortet Alison Gingeras im späten 19. Jahrhundert.

„Mit dem Beginn der Kunstgeschichtsschreibung als einer Universitätsdisziplin machen sich Männer ans Werk, denen die wachsende Bedeutung der Frauen – ihr Wahlrecht zum Beispiel – suspekt ist und die in ihren Kunstgeschichten die Frauen bewusst eliminieren. Diese Auslöschung endet erst mit dem „Second Wave Feminism“ der 1970er Jahre.“

Die Kuratorin betont den aktiven Einfluss der Frauen auf die Kunst der Männer. So sagte die berühmte spanische Hofmalerin Sofonisba Anguissola vor ihrem Tode im Alter von 94 Jahren dem flämischen Kollegen Anthonis von Dyck, wie er sie darzustellen hatte. Ein kleiner Raum illustriert den künstlerischen Einfluss, den die Miniaturmalerin Mayken Verhulst auf ihren Schwiegersohn Pieter Bruegel dem Älteren hatte.

„Mayken Verhulst war eine bekannte Person, aber sie schuf Werke, die ihr bis vor kurzem gar nicht zugerechnet wurden. Diese Entdeckungen sind ein Ansporn für die Kunstgeschichte, alles in Frage zu stellen: Anonymität zum Beispiel, Archive und Zuordnungen.“

Erst jüngst ist Mayken Verhulst als Urheberin eines bislang als anonym eingestuften „Ecce Homo“ entdeckt worden. Die Warschauer Ausstellung dokumentiert dies. Recht umfassend ist der Blick auf weibliche Selbstporträts mit Palette und hier sind auch Positionen von Künstlerinnen aus Polen, Russland, der Ukraine zu entdecken.

Anna Güntner, „Nieśmiały narzeczony“ (schüchterner Verlobter), Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie

„Ich musste viel dazulernen in Bezug auf Künstlerinnen aus dem Osten: Feminismus war unter der kommunistischen Herrschaft kein Thema und sozialistische Realistinnen sahen sich nicht als Feministinnen, sind aber doch auch Teil der Frauenbewegung. Trotz ideologischer Spaltungen: Es gibt einen feministischen Pluralismus.“

Der letzte Raum der Schau trägt den Titel „Wartime Women“ und führt in das ganz aktuelle Grauen des Krieges in der Ukraine. Und in diesem soll das Publikum Genderklischees vergessen:

„Der Krieg wird als männlich verstanden. Aber dieses Narrativ stimmt nicht mehr. Mich haben die Ukrainerinnen zu diesem Raum inspiriert, die mir klar machten, dass dieser Konflikt ein sehr weibliches Gesicht hat. Margarita Polovinko, die vor einem Jahr an der Front gefallen ist, hat ihr Armeetagebuch mit dem eigenen Blut geschrieben.“

Karina Synytsia: „Luhansk“ (all will be okay)

Das größte Werk des Raums ist eine trostlose braune Landschaft: In deren Mitte ein rissiges Betonrondell, aus dem zwei schüttere Stäbe ragen. Zwischen ihnen ist ein knapper Schriftzug aufgehängt.

„Das Gemälde „Luhansk“ schuf eine sehr junge Künstlerin, Karina Synytsia, deren Atelier vor einer Woche in Kyjiw bombardiert wurde. In ihrer dystopischen Landschaftsmalerei gibt es eine Mitteilung und die lautet: ‚Alles wird gut’. Das sagt man sich in der Ukraine gerne, um der Trostlosigkeit etwas entgegen zu setzen.“

„The Woman Question“ ist ein feministisches Manifest und zusammen mit anderen Ausstellungen zum Thema imstande, den Blick auf die Geschichte der Kunst neu zu kalibrieren.