Falk-Richter-am-Gorki-Theater-In-my-room

Falk Richter am Gorki-Theater
Väter – ein Requiem
von Eberhard Spreng

In die Debatte um die „toxische Männlichkeit“ schaltet sich am Gorki-Theater Falk Richter mit seiner Stückentwicklung „In my Room“ ein. Wie wir wurden, was wie sind, das ist für Richter und seine fünf Akteure nur zu beantworten, wenn das Verhältnis zum eigenen Vater beleuchtet wird.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 16.01.2020 → Beitrag hören

Die Schauspieler als Rockstars

Foto: Ute Langkafel

Eine schwarze Säule, darauf die Statue eines nackten Mannes, am Boden einige Kerzen und Blumensträuße: Im Bühnenhintergrund hängt eine Leuchtschrift von der Bühnendecke: „Remember“ steht da. Falk Richters neues Stück ist im besten Fall ein Requiem, die Erinnerung an Männlichkeitsbilder der Vergangenheit. Aber um das Denkmal des Maskulinen herum ist auch ein Gerüst aufgebaut, man darf also im Bühnenbild des Wolfgang Menardi Reparaturarbeiten erwarten, an einem Gegenstand, den man heute gerne mit dem Begriff der toxischen Männlichkeit belegt. Auf ansonsten weißer Show-Bühne, die nach hinten mit weißen Plastikvorhängen abschließt, richtet sich Jonas Dassler mit einem langen Monolog über Falk Richters Vater ans Publikum. „Vor allem da war keinerlei beziehung zu mir meiner schwester meiner mutter alles war so zerrissen weggesprengt bezugslos ohne geschichte eine zerschossene Welt.“

Der 1926 geborene Vater, so erfahren wir, war von seinem Vater oft geschlagen und mit 18 in den zweiten Weltkrieg eingezogen worden, als Luftwaffenhelfer. Im ersten der oft langen Monologe über die Väterbilder der Ensemblemitglieder und des Regisseurs wird das dramatisch-katastrophische Muster der deutschen Männlichkeitsdebatte deutlich. Sie ist ohne die Erfahrung von Nazitum und Weltuntergang nicht zu denken. Vom soldatischen Mann kommt diese Aufführung schnell zum Gangsta-Rap und zu Rapper Kollegah, der derzeit mit seinem Buch „Das ist Alpha“ auf Tournee ist und den Jonas Dassler parodiert:
„Diese Land braucht DRINGEND neue Nachwuchsbosse. Wir
haben in Deutschland ein akuten Mangel an Alphas.
Du hättest in deinem Leben längst wahrhaft bosshaften Erfolg
haben können. Das es noch nicht so weit ist, hat nur einen
Grund: Du bist schlicht und einfach ein Lauch.“

Eine Show-Bühne am Gorki-Theater

Foto: Ute Langkafel

In Falk Richters Stück „Fear“, das dem Autor und Regisseur ein Gerichtsverfahren mit Politikern der AfD einbrachte, hatte er die politische Dimension von maskulinen Rollenbildern thematisiert. Jetzt geht es allenfalls um den persönlichen Schaden, den aggressiv-intolerante Väter in den Seelen vor allem homosexueller Söhne hinterlassen. Der Titel „In my Room” ist dabei wörtlich zu nehmen. Die Biographien und Erinnerungen an die Väter der fünf Ensemblemitglieder sind die Grundlage einer Stückentwicklung. Die Aufführung ist naturgemäß persönlich, aber oftmals auch einfach nur privat. An die Stelle der Überbietungs- und Imponierrituale einer toxischen Männlichkeit setzen die fünf jungen Männer den Unterbietungswettbewerb, wer ist am meisten Opfer? Ein best off seelischer Verwundungen. Wie schön, dass dann Benny Claessens als ein Schamane und mit langen Pfauenfedern als Kopfputz wie ein queerer Heiler über die Bühne geistert. Er ist Sohn eines armen flämischen Hafenarbeiters und LKW-Fahrers, aber sein Vater hat ihn mit dem Laster zum Ballett gefahren und ihn auch sonst unterstützt. Auch die Erinnerungen Taner Şahintürks an die Qualen seines Vaters im feindseligen Deutschland erzeugen emotional komplexere Väterbilder: „Deutschland macht mich wütend, weil mein Vater es probiert hat. Er hat’s versucht. Er hat nach dem Sprachkurs gefragt. Abgelehnt. Er hat mit 18 eine deutsche Freundin gehabt. Abgelehnt. Der deutsche Vater beendet die Beziehung: Keine Türken bei uns zuhause! Er hat Saz gespielt in der Armee, er hat gesungen, getanzt, manchmal gesoffen, er hat versucht zu leben!“

Pop-Pflästerchen für Seelenwunden

Unterbrochen werden die Monologe immer wieder von Musik. Dann greifen die instrumentenfesten Darsteller zu E-Gitarren, zu Schlagzeugsticks und in die Tasten und vertreiben ihre vehement ausagierten Frustrationen mit Punk, Rock und Pop und mit viel Gesang.
He cries, he lies
He’s cool, he’s kind…

Falk Richters Revue klebt auf jede Seelenwunde ein Pop-Musik-Pflästerchen und stemmt sich mit greller Karikatur und performativer Übertreibung gegen die Gefahr des Selbstmitleids. Männerbilder flimmern über Bildschirme: John Wayne zum Beispiel, Ausschnitte aus Super-8-Filmen, Tanz-moves vergangener Jahrzehnte. Auch eine gespenstische Anti-AfD-Szene, in der Alexander Gauland als Naziverharmloser dargestellt wird, soll „In my Room“ eine tagespolitische Tiefendimension eröffnen. Vergeblich. Gedanklich bleibt diese vom Publikum viel belachte, vielbeklatschte Nummernrevue weit hinter vorhergehenden Arbeiten von Falk Richter zurück.