Thorleifur-Örn-Arnarsson-inszeniert-eine-Odyssee

Homer an der Volksbühne
Vernebelt
von Eberhard Spreng

In Hannover hatte der Theater- und Opernregisseur Thorleifur Örn Arnasson mit der Inszenierung der „Edda“ großen Erfolg. Mit Beginn dieser Spielzeit ist er Schauspieldirektor an der Volksbühne in Berlin, wo er in „Eine Odyssee“ mit heroischen Männerbildern abrechnet.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 13.09.2019 → Beitrag hören

Bühnennebel, Chor, Schriftzeichen

Foto: Vincenzo Laera

Blendende Scheinwerfer, üppig wallender Bühnennebel, grollende Lautsprecher. Für den Anfang leistet sich Thorleifur Örn Arnarsson den ganz großen Bühnenauftritt. Ein locker auf der kreiselnden Drehbühne verteilter Chor, in Bewegungen einer Leibesertüchtigung. Man grooved sich warm für die Schlacht.
„Ares, Ares
Über – all rann schwarzes Blut,
die Erde aber
wurde feucht,
als die Troer
untergingen
als die Troer
untergingen“
Es sind mehrere Crescendi zu hören, die sich aus elegischen Passagen in Klangeruptionen steigern, während vom Schnürboden Heiner Müllers verdüstertes Gedicht „Traumwald“ herabsinkt: In der Tiefe gestaffelte und fast bis zur Unlesbarkeit sich überlagernde Buchstabenreihen. Ach, überhaupt die Schrift: Immer wieder schiebt sie sich wacker in ein chaotisches Agitprop-Geschehen. Ein Panzer rollt auf die Bühne, der von zahllosen Einschüssen durchlöchert ist und auf dem eine laut „Gerechtigkeit“ gröhlende Helena eine rote Fahne schwingt. Derweil schwadroniert Mann Menelaos über eine Anti-Arthritis-Diät, die er seiner Frau auferlegt hat. Ein lebensgroßer Elefanten hängt vom Schnürboden herab. Auf eine gewaltige Wand aus Pappkartons werden Bilder eines Schiffes in rauer See projiziert, bevor diese Wand auf die Bühne kippt. Ein Meer aus Pappkartons, auf dem man einbricht, wenn man versucht, darüber zu laufen. Odysseus Sohn Telemachos erlebt hier seine Adoleszenzkrise und versucht, sich am Kabel seiner Spielkonsole zu erhängen, mit der er zuvor herumgedaddelt hatte. Irgendwann dann eine der Textbotschaften, ganz groß, auf dem hoch aufragendem Horizontprospekt: „Eine Burleske für unsere erniedrigte, irritierende Zeit, in der Clowns nachspielen, was Helden und Könige einst taten.“ Nur der Agamemnon von Robert Kuchenbuch meditiert in diesem Kehraus der Männerbilder tapfer über die Grenzen des Wissens:
„Odysseus, gibt bekannte Bekannte,
es gibt Dinge,
von denen wir wissen, dass wir sie wissen.
Wir wissen auch,
dass es bekannte Unbekannte gibt,
das heisst, wir wissen,
es gibt einige Dinge,
die wir nicht wissen.
Es gibt das aber noch
diese dritte Kategorie,
das unbekannte Unbekannte“

Foto: Vincenzo Laera

Unmittelbar vor der Pause verliest die Kassandra der Sarah Maria Sander eine schier endlose Chronik: Von den Kriegen des Altertums bis zum syrischen Krieg der Gegenwart. Drei übergroße Pappkameraden mit erigierten Schwänzen erwarten das Publikum nach der Pause. Es sind drei amerikanische Präsidenten: Clinton, Kennedy und Trump. Und darunter sitzt Silvia Rieger in weißem Gewandt und spricht Texte der e-mails, die ein britischer Afghanistan-Soldat seinem isländischen Halbbruder geschickt hat. Zeugnisse für ein Kernproblem, das diese Aufführung in ihrer kollagierten Beliebigkeit immer nur umkreist, aber nie zu fassen bekommt: Der Kriegsheimkehrer findet nicht mehr in den Frieden zurück, will zurück in den Krieg, wenn er zuhause ist, will nach Hause, wenn er in der Schlacht ist. Wenn der Krieg im Leben eines Mannes einmal begonnen hat, wird er nicht mehr enden. Und das führt zu fatalen Schäden im Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Ruinen der Beziehung von Mann und Frau

Menelaos will auf den Ruinen der Kriegserfahrung eine Paaridylle mit Helena errichten, die sie nur im Wahn erträgt; Kassandra und Kriegsautist Agamemnon sind Lichtjahre voneinander entfernt; Odysseus-Sohn Telemachos will Mutter Penelope befehligen; und wenn die unsterbliche Nymphe Kalypso den reisenden Sterblichen Odysseus nicht halten kann, muss selbst die einzige Love-Story scheitern, die das Epos zu bieten hat. Zu einem langen Monolog seiner legendären Taten hebt nun Daniel Nerlich an, der in dieser Aufführung als Odysseus kurioserweise eher eine Nebenrolle spielt. Das hier erstmals in einem Großprojekt zusammenspielende, neue Ensemble der Volksbühne kämpft sich wacker durch den Mix aus Mythos und Gegenwart, aber nach vier langen Stunden bleibt nicht ein einziger Moment theatraler Wahrhaftigkeit. Der Volksbühnen-Schauspieldirektor Arnarsson hat nach seiner gefeierten „Edda“ diesmal nur die große Pose zu bieten.