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Joyce „Ulysses“ am Deutschen Theater
Quantensprung für das Jüngste Gericht
von Eberhard Spreng

Den gewaltigen Ulysses-Roman des James Joyce für die Bühne zu bearbeiten, ist eigentlich Wahnsinn. Sebastian Hartmann und sein Ensemble am Deutschen Theater versuchen sich an seinem metaphysischen Gehalt und das tun sie mit naivem Engagement.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 20.01.2018

Die Fassade des Deutschen Theaters mit der Spielzeitfahne

Das Deutsche Theater (Foto: Eberhard Spreng)

 

Ein Vorspiel wie bei Goethes Faust: Ein Mann mit Zylinderhut steht allein auf weiter, leerer Bühne und zaubert Welt herbei: Das Meeresrauschen gibt er aus und fängt es wieder ein, auch ein Pferdegetrappel; die Welt entsteht aus seinen Händen als raumfüllender Klang und dann zaubert er auch noch eine Taube aus dem Hut, die allerdings keiner sehen kann, weil sie sich nur mit dem Geräusch ihre Flügelschlags zu erkennen gibt. Eine schöne Metapher als Einstieg in einen Theaterabend, der sich dem grandiosen Weltroman mit Auslassung, mit Abstraktion und Reduktion annähert. Sebastian Hartmann zeigt eigentlich nur den metaphysischen, über den Menschen und die Welt reflektierenden Ausschnitt, nicht also das Dublin aus dem Beginn des 20. Jh., in dem der Annoncenakquisiteur Leopold Bloom eine eintägige Lebensodyssee erlebt. Der Regisseur verzichtet auf durchgängige Handlungslinien und Figurenzeichnung. Seine zehn Akteure sind kosmische Clowns im philosophischen Varieté, Monologperformer wie der herausragende Ulrich Matthes. „Wenn man erst mal tot ist, ist man tot. Dieser Einfall mit dem jüngsten Tag. Die ganze Bagage aus ihren Gräbern trommeln, Lazarus komm herfür, und er kam herfünf, und Pustekuchen. Alles Aufstehen! jüngster Tag!“

Ulrich Matthes Beitrag aus dem Hadeskapitel gehört zu den starken Momenten des Abends. Ganz allein steht er im glitzernden Showanzug auf der Bühne unter einem gewaltigen Rahmen mit zahllosen roten Neonröhren. Irgendwann tritt die nackte Ninda Pöppel auf, fixiert eine durchsichtige Plastikplane an drei von oben herabgelassen Drähten, gießt sich einen Eimer mit zäher schwarzer Farbe über den Körper, wälzt sich im Schlamm einer ewigen Schöpfung und zeichnet so das Abbild des Kreuzes auf die Plane. Über der Bühne schweben zwei gewaltige Kugeln, die mit ihrer schwarzen Beplankung entfernt an den Todesplaneten aus Starwars erinnern. Immer wieder senken sie sich herab ins grelle und oft alberne Bühnengeschehen. Auch die Musik verbreitet Weltraumstimmung.

Versatzstücke aus der Ästhetik der ehemaligen Volksbühne

In abstrakten Grundfarben Schwarz, Rot, Weiß ist die gesamte Inszenierung zu erleben: Schwarze Anzügen, weiße oder rote Kleidchen, schwarzer Schlamm. Und manchmal sieht das reflexhafte Umherlaufen und klingt der Automatensprech des Ensembles wie eine Karikatur von einem von René Polleschs Diskursabenden:  „Eine Stimme, die nur das Herz dessen vernimmt, der Substanz ist seines Schattens, der mit dem Vater konsubstanzielle Sohn. Du, nein du du du, du hast doch gerade über das gasförmige Wirbeltier gesprochen.“ – – „Er der Selbst Sich erzeugte durch Mitteilung des Heiligen Geistes, und Sich Selbst sandte als Loskäufer, von Sich hinab zu anderen, der da geprellet ward von seinen Feinden …“

Vier Stunden Theater und dann endlich eine Lektion in Quantenphysik

Mit ermattender Aufmerksamkeit folgt das Publikum einer vierstündigen Ideenkollage aus ersten und letzen Dingen, Geburt und Tod, Mann und Frau, Vater-Sohn-Symbolik und endlich auch einem Stückchen aus dem legendären Molly Bloom Monolog von Ende des Romans. Das alles in einer Opernregie, die immerfort eifrig bemüht ist, alle Auftritte innerhalb ihres minimalistische Bühnensettings in ganz große Zeichen zu übersetzen. Wenn aber, anders als der Roman, alles als groß und bedeutsam daherkommt, nivelliert sich alles nach unten und macht es von der Performance der Schauspieler abhängig, was hängen bleibt. Dazu gehört Bernd Moss’ Solo an der Vorderbühne, wie er über Quantenphysik plaudert, während alle anderen des zehnköpfigen Ensemble entspannt zuhören. Und er erklärt mit lustiger Erleuchtung vom Spin der Elementarteilchen, und wie sie auch über die Entfernung verknüpft sind, jenseits unsere Vorstellung von Raum und Zeit und wie sich aus dieser Metapher ein elementarer Trost für die Menschen ergeben könnte, vielleicht sogar eine Aussicht auf ewiges Leben. Und plötzlich wird einem dieser entsetzlich bemühte, oft alberne und anstrengende Abend dann doch sympathisch: Man spürt förmlich, dass Regisseur und das an der Entstehung der Spielfassung beteiligte Ensemble engagiert und mit Verve, fröhlich und auf hohem Niveau an der unmöglichen Aufgabe scheitern, Joyce „Ulysses“ für die Bühne zu adaptieren.