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Streit in Frankreich
Schuluniform oder Schulreform
von Eberhard Spreng

Präsidentengattin Brigitte Macron mischt sich in eine alte Debatte um einheitliche Kleidung an Frankreichs Schulen ein. Aber Bildungsminister Pap Ndiaye hat eigentlich ganz andere Probleme zu lösen.

Tagesspiegel, 19.01.2023

Bildungsminister Pap Ndiaye (Foto: Wikicommons)

In dieser Woche finden in Frankreich die jährlichen „Cordées de la Réussite“ statt. Das sind Tutoriumsprogramme, bei denen die Übergänge zwischen Gymnasium und Universität bzw. zwischen Collège und Fachhochschule für Schülerinnen und Schüler erleichtert werden sollen, die an ihrem mangelnden Selbstbewusstseins zu scheitern drohen. Auch Jugendliche aus abgehängten, ländlichen Regionen soll dieses Förderungsprogramm beim Wechsel des Bildungsträgers helfen. Diese Cordée-Programme sind Teil einer Bildungsoffensive, die Emmanuel Macron schon zu Beginn seiner ersten Amtszeit angekündigt hatte. Es geht im weitesten Sinne um die Förderung der Chancengleichheit. Mit dem Beginn des Jahres kommen nun aus dem Bildungsministerium vermehrt Zeichen eines beschleunigten Reformeifers. Denn im Jahr 2023 sollen die großen Reformpläne im französischen Bildungssektor Wirklichkeit werden.

Überstrahlt wurden die drögen Reformankündigungen aus dem Bildungsministerium der letzten Tage allerdings von dem medienwirksamen Aufregerthema Schuluniform, das die Präsidentengattin Brigitte Macron am vergangenen Mittwoch bei einem Redaktionsbesuch in der Tageszeitung „Le Parisien“ lostrat: „Ich habe die Uniform als Schülerin getragen : Fünfzehn Jahre im marineblauen Röckchen und Pullover, und mir ging’s gut dabei“. Der cleverere Vorstoß stahl den extremen Rechten des „Rassemblement National“ die Schau, die Tags darauf einen Gesetzentwurf ins Parlament einbrachten. Die Schuluniform soll nach ihrem Willen auf nationaler Ebene Pflicht werden. Auch die Konservativen „Les Républicains“ sprechen sich für die Schuluniform aus, Macrons „Renaissance“, wie „La République en Marche“ seit dem letzten September heißt, ist in der Frage gespalten. Die Argumente sind mittlerweile so ranzig wie das Vorhaben selbst, das schon in den Jahren 2013-2018 schon dreimal Gegenstand von Gesetzesanträgen war. Schuluniformen schüfen mehr Gleichheit; Kinder aus ärmeren Haushalten könnten ansonsten beim teuren Schaulaufen der Marken und Labels nicht mithalten. Mobbing werde so bekämpft, die Corporate Identity der Schule und das Zusammengehörigkeitsgefühl werde gestärkt. Was verschwiegen wird: Die Schuluniform ist ein Versuch, die islam-konformen Abayas und vergleichbare Textilien mit einer republikanischen Kleiderordnung zurückzudrängen. Gerne argumentieren die Anhänger der Schuluniform mit der „Rückkehr“ zu einer alten Tradition und schaffen so einen kuriosen Mythos: Denn eine frankreichweite Uniformpflicht an staatlichen Bildungseinrichtungen hat es nie gegeben.

63% der französischen Bevölkerung sind für die Schuluniform

Brigitte Macrons Vorstoß hat statistische Hintergründe. Etwa 63% der französischen Bevölkerung spricht sich für eine einheitliche Schulkleidung aus. Das Terrain darf also den Rechten nicht so ohne weiteres überlassen werden.

An Privatschulen und den beliebten katholischen Schulen des Landes, an denen 20% der Schülerinnen und Schüler lernen, sind Uniformen sehr verbreitet. Bildungsminister Pap Ndiaye möchte eine Entscheidung für die Uniform jeder einzelnen Schule überlassen und ist strikt gegen eine nationale Vorgabe. Er hat allerdings auch jenseits der symbolpolitischen Debatten noch andere Probleme im Blick. Von 1987 bis heute haben sich die Rechtschreibfehler in einem Musterdiktat von rund zehn auf rund 20 verdoppelt. Das hat eine Studie aus seinem Haus ergeben. Im internationalen Vergleich schneidet Frankreich außerdem bei der Mathematik nicht gut ab. Spätestens beim Wechsel von der École Primaire zum weiterführenden Collège oder dem Lycée werden die Lernmängel dann offenbar. 27% der Schülerinnen und Schüler haben eine unzureichende  Sprachkompetenz, ein Drittel mangelhafte Mathe-Kenntnisse. Pap Ndieaye bezeichnete insbesondere das Collège, in dem ab etwa elf Jahren auf Berufsausbildungen vorbereitet werden soll, als den „kranken Mann“ im Bildungssystem Frankreichs. Dessen Eintrittsklasse, die im Nachbarland die 6ième genannt wird, soll Herzstück seiner Reparaturreformen werden. Ab der Rentrée im September des Jahren soll dort eine Förderstunde pro Woche in Französisch und Mathe stattfinden. Lehrkräfte aus den Grundschulen sollen dann in die Collèges kommen um das nationale Nachsitzen in den Krisenfächern mit ihrer spezifischen Fachkompetenz zu begleiten. Eine Technologiestunde muss dafür aus den Stundenplänen weichen. Schon ab sofort sollen Kopfrechnen, Diktate und schriftliche Klassenarbeiten in den Vorbereitungsklassen der Grundschule forciert werden.

Fast 40% weniger Bewerbungen für das Lehramt

Der Bildungsminister weiß, dass für seine Vorhaben viel mehr Lehrkräfte nötig sind. Doch für das Lehramt bewarben sich zuletzt 38% weniger Kandidatinnen und Kandidaten. Kein Wunder: Wer will denn für 1700 Euro monatlich den mühseligen Schulalltag auf sich nehmen, mit kulturell und religiös motivierten Konflikten und Übergriffen. Man zählte im vergangenen Oktober 720 Angriffe auf die gesetzlich garantierte Laizität der Schulen. Pap Ndiaye verspricht ab dem Herbst 2000 Euro monatlich als Eintrittsgehalt für das Lehramt an öffentlichen Schulen.