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Müllers Hamletmaschine am Gorki-Theater neu aufgelegt
Böse Welt, Böser Clown
von Eberhard Spreng

Deutschlandfunk – Kultur Heute, 25.02.2018

Die Welt ist aus den Fugen und Heiner Müllers Hamlet ist ihr mimetischer Doppelgänger: Brutal aus Protest gegen Brutalität, barbarisch aus Ekel vor der Barbarei. Das von Schauspielerinnen und Schauspielern vor allem aus dem nahen Osten zusammengesetzte Exil-Ensemble am Berliner Gorki-Theater schreibt den vierzig Jahre alten Text in die von den Kriegen im Nahen Osten gezeichnete Gegenwart fort.

Die Horrorclowns haben sich einen Umhang übergeworfen

Foto: Uta Langkafel

Sieben Horrorclowns im bunten Ganzkörpersatin tollen über die Bühne und treiben allerlei neckische Scherze. Der eine lässt einen länglichen Luftballon zerplatzen, der andere führt einen kleinen Zaubertrick vor, der dritte schleift einen Mikrofonständer hinter sich her, der vierte schließlich einen Vorschlaghammer. Komisch-gefährlich soll aussehen, was das aus syrischen, palästinensischen, afghanischen und saudiarabischen Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen gesetzte, sogenannte Exil-Ensemble des Gorki-Theaters hier aufführt. Dazu ertönt eingespieltes Gelächter aus dem Off. Dann aber folgt ein unheimliches, leises Grollen. Dazu stellt sich Mazen Aljubbeh mit Bleistift und Spitzer an die Vorderbühne, hält beides über ein Mikrofon und gibt quäkendes Babygebrabbel von sich: „Ich bin Hamlet, ich stand an der Küste und redete mit der Brandung“ verkündet dazu ein auf eine Gaze projizierter Text, die ersten Worte aus Heiner Müllers in die Jahre gekommene Kollage mit Katastrophensplittern und Endzeitmonologen über Elend, Trauer, Leichenfraß, Mutterekel, das Ende des Theaters und die Rücknahme der Schöpfung. Jetzt aber schiebt sich sehr bald nach dem einleitenden Monolog in die clowneske Heiner-Müller-Hommage eine neue Text-Ebene katastrophischer Weltwahrnehmung: „…كان قابيل وهابيل“

Der nahe Osten: Seit Kain und Abel ein vermintes Terrain

In arabischer Sprache ist die Geschichte von Kain und Abel zu hören. Und dass Gott Abel eine Frau versprochen habe, die nach sieben Tagen aus dem Boden geboren werde und Damaskus heiße. Dann habe Kain seinen Bruder ermordet und den Leichnam zu vergraben versucht, wobei aber die Erde beim Kontakt mit dem Blut aufgerissen sei. Und seither stieße Generation auf Generation bei dem Graben nach verlorenen kulturellen Schätzen immer nur auf neue Waffen, zur ewigen Fortsetzung des Bruderkrieges. Das sei ein Grab, das immer größer werde und das der Nahe Osten heiße. Der von Ayham Majid Agha, dem Leiter des Exil-Ensembles geschriebene Text ist das neue Herz dieser „Hamletmaschine“. Es verschiebt den Fokus von Inzest und Muttersünde auf den alttestamentarischen Brudermord. Das geschieht problemlos, auch weil schon bei Heiner Müller harte assoziative Brüche vorkommen. Im Gewand dieser grotesken und bunten Clownsperformance wird natürlich keine Geschichte erzählt, mit so etwas wie Figuren, Entwicklungen und Handlungsmotiven.
Im zweiten, „Das Europa der Frau“ betitelten Teil spricht  Maryam Abu Khaled den Monolog der Ophelia in Popstarpose und nunmehr in Farsi und danach versetzt ein laut aufgedrehter Groove den gesamten Gorki-Theatersaal in Vibrationen. „Welcome to the club: This is my family, Ophelia…“

Ophelia und Hamlet: Muster für Biografien im Chaos der Konflikte

Aus der einen Ophelia werden nun diverse Biographien: Als Tochter eines Agamemnon, der in den 30er Jahren einer faschistischen Partei nahe stand und einer palästinensischen Künstlerin, ein Kind, das in Teheran geboren und im Alter von 15 Jahren ermordet wurde. Oder ein Hamlet, geboren im ostsyrischen Deir ez-Zor, der nach 520-tägiger Belagerung der Stadt und dem Tot des Vaters in den Irak flüchtet, dann nach Deutschland reist, um sich dort für ein Exportverbot chemischer Waffen einzusetzen. Heiner Müllers Figuren werden hier zu Mustern für diverse von Konflikten und Kriegen gezeichnete Biografien quer über die Jahrhunderte und Kontinente.

Die Textwüste und ein Clown

Hussein Ash-Shatheli (Foto: Ute Langkafel)

Hier ist der Text, der während der eineinviertelstündigen Aufführung immer auch in Deutsch und Englisch auf die Randflächen neben der Bühne projiziert wird, eindeutig facettenreicher als Nüblings Regie. Denn die hat sich nun einmal auf das Repertoire der Clownshow eingeschworen. Wenn Kenda Hmeidan sich einem länglichen bunten Luftballon zwischen die Beine steckt und dann lernt, was mit so einem Kunstpenis alles angestellt werden kann, dann ist das zwar auch hier wieder mal ganz lustig, bringt aber die Aufführung kaum voran. So bleibt denn ein Stück, das Heiner Müllers Hamletmaschine in die Gegenwart fortschreibt und eine bunt-grimmige, aber letztlich dem Text nur gelegentlich dienliche Clownsshow.