Katie-Mitchell-inszeniert-Martin-Crimps-Schlafende-Männer

Martin Crimps neues Stück in Hamburg
Nachtschicht für Vier
Bayrischer Rundfunk – Kulturwelt, 18.03.2019

Intensives Schauspielertheater, ganz ohne Video, aber auf einer Breitwandbühne. Katie Mitchell urinszeniert „Schlafende Männer“ von Martin Crimp, der sich hierfür von Bildern Maria Lassnigs inspirieren ließt. Die wichtigste Quelle ist jedoch Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“.

Ein Dekor wie im epischen Breitwandfilm

Foto:-Stephen Cummiskey

Eine moderne Wohnung mitten in der Nacht, zwei in sich versunkene Menschen, Licht aus Hängelampen. Er steht in der Nähe des Esstischs, sie neben der Kochinsel. Ein Moment der Stille, bevor es unvermittelt aus ihr herausbricht: „Nein es gab keinen Grund ein Kind zu kriegen Paul, und aus meiner Sicht auch kein Verlangen danach. Sicher, ein Kind hätte vielleicht eine Leerstelle in unsrem Leben gefüllt, oder, ich korrigiere, ein Kommunikationskanal für zwei Menschen, die sich schon fremd geworden waren, bevor sie sich überhaupt getroffen hatten.“

Eine Neufassung von „Wer hat Angst vor Viginia Woolf“

Paul und Julia, Ende vierzig, sind seit Ewigkeiten zusammen, haben in ihren Berufen zum Teil beachtliche Erfolge erzielt, sind sich aber immer mehr fremd geworden. Und Julia erwartet, sehr zu Pauls Überraschung, nächtlichen Besuch von ihrer neuen Mitarbeiterin Josefine und deren Mann Tilmann, beide Mitte zwanzig. Zwei Paare, die sich in einem surrealen Spiel wachsender Entgrenzung gegenseitig befragen, beleidigen, provozieren. Ein bisschen Krieg der Geschlechter, ein bisschen Seelenstripease. Wir kennen das Schema dieser aus dem Ruder laufenden Begegnung von vier Menschen von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Martin Crimps Überschreibung des Klassikers versucht sich in zeitgenössischen Varianten des Stoffes: Sein älteres Ehepaar trinkt nicht, aber eine ungelebte Homosexualität des Musikproduzenten Paul wird deutlich. Tilmann weist ihn ab, als die beiden für einen Moment allein sind. Andererseits kann er die junge Josefine zu einem kleinen Boxkampf überreden, der nach ihrem ersten gezielten Schlag bereits endet. Nach Eiswürfeln verlangt dann der Geschlagene. Die Männer haben schlechte Karten in dieser weitgehend von Julia und ihrer neuen Assistentin dominierten Situation: Julia hat als Kunsthistorikerin reüssiert und die junge Kollegin in ihr angesehenes Institut geholt. Deren Mann Tilman ist zwar als Geschäftführer einer Möbelmanufaktur sehr erfolgreich, gefällt sich aber in Ritualen der Selbstbeschimpfung: „Was ist das hier in meiner Tasche, ich hab keine Ahnung was das ist, ich hab das noch nie zuvor gesehen, ich weiß nicht einmal was in meines eigenen Taschen ist. Mein Verstand funktioniert irgendwie nicht, und das nicht auf würdevolle Art, wie bei einer echten Geisteskrankheit, sondern weil mein Verstand Scheiße ist.“

Schauspielertheater in Cinemascope

In einem hyperrealistische Dekor, inklusive eines in die Jahre gekommenem Bücherschrankes mit einem alten Tonbandgerät, einer Küchenzeile, Fenstern und einer Balkontür hat Katie Mitchell Crimps Auftragsstück inszeniert. Die geringe Deckenhöhe, der Parkettboden, das Cinemascop-Format des Guckkastens vollenden eine Realismus, in den die Regisseurin kleine surreale Momente einbaut. In Zeitlupe sind dann Bewegungen zu sehen, zu lang gehaltenen Tönen. Das sind szenische Interpunktionen, die deutlich machen, wie sehr hier alle vier psychisch in der Gefahrenzone von Selbst- und Realitätsverlust geraten sind. Dass den vier Figuren ihre nächtlichen Spiele unheimlich werden, offenbaren sie jedes Mal, wenn jemand auf den Balkon heraustritt. Die Angst, er oder sie könne sich in die Tiefe stürzen, ist offensichtlich.

„Schlafende Männer“ ist Konversationsstück und Schauspielertheater: Die vier Akteure bringen ihre Vornahmen mit in diese Arbeit: So spielt Julia Weininger eine Kunsthistorikerin Julia, die sich ihrer Autorität ziemlich sicher ist, Josefine Israel ihre leicht-coole Kollegin, die allen möglichen Menschen von ihrer Schwangerschaft erzählt, bevor es ihr Partner Tilman erfährt. Tilman Strauß spielt ihn, wirkt oft abwesend, abwartend, leicht berechnend. Paul Herwig, in diesem Quartett eher der Looser, behauptet sich mit Kraftmeierei.

–    „Ich kann einen Mann mit einem schnellen Stoß blind machen.
–     Schneller Stoß sicher.  
–    Ich warte auf ihn auf den Betonstufen und kaum kommt er um die Ecke, bin ich auf ihm drauf,
–    Also, schlagen Sei jetzt mich“

Das Ende des neuen Stücks von Martin Crimp ist dramaturgisch unaufgelöst. Seine zeitgenössische, weitgehend enterotisierte Version des Albee-Stoffes, bleibt merkwürdig konstruiert. Und Katie Mitchell kann trotz konsequenter, formaler Strenge die Nähe zum Boulevard kaum kaschieren.