Thomas-Ostermeier-inszeniert-„Im-Herzen-der-Gewalt“-von-Édouard-Louis

„Im Herzen der Gewalt“ auf der Bühne
Der Schmerz jenseits der Sprache
von Eberhard Spreng

In seinem 2017 erschienenen Roman „Im Herzen der Gewalt“ verarbeitet Édouard Louis eine traumatische Erfahrung aus der Weihnachtsnacht 2012: Die Vergewaltigung und den Mordversuch durch einen jungen Mann „maghrebinischen Typs“. Thomas Ostermeier wagt eine Theaterfassung auf politisch vermintem Gelände.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 04.06.2018

Forentische Schutzanzüge, nackter Mann am Beginn der Aufführung

Foto: Arno Declair

Fingerabdruckpinsel huschen über den Bühnenboden, Menschen in forensischer Schutzkleidung bewegen sich vorsichtig durch das leere Terrain. Dann kommt ein nasser nackter Mann, rutscht, immer wieder bildmächtig auf die Videoleinwand übertragen, auf dem glatten Boden aus und verschmiert sich und den Boden mit dunkelgrauen Schlieren aus Wasser und Fingerabdruckpulver. Aber was der Zuschauer in der auch weiterhin vorwiegend schwarz-weiß gehaltenen Inszenierung hier vor seinem inneren Auge sieht, ist Blut. Frisches, glitschiges, rotes Blut. Und man begreift sofort: Hier verliert ein Mensch sein Gleichgewicht in der kriminaltechnischen Aufarbeitung einer traumatischen Erfahrung.

Ein junger Homosexueller hatte spät Abends Reda, eine Zufallsbekanntschaft von der Straße mit in seine Wohnung genommen, Sex mit ihm gehabt, gelacht und viel erzählt, bevor der ihm vor dem Abschied Tablett und Smartphone entwendet. Die Situation schlägt um, in Mordversuch und Vergewaltigung. Was dieser Nacht folgt, ist der Kampf des Erzählers mit gesellschaftlichen Vorurteilen und dem eigenen philanthropischen Weltbild.

Weitgehend werktreu versucht Thomas Ostermeiers Inszenierung den wechselnden Erzählebenen des autobiografischen Romans zu folgen. Der Protagonist war da nach der Schreckensnacht zu seiner Schwester Clara nach Nordfrankreich gefahren, die immer noch in den einfachen Verhältnissen lebt, die er dank seiner Pariser Karriere überwunden hatte. Wie die Schwester seine Schockerfahrung ihrem Mann weitererzählt, kommentierend und uminterpretierend, erlebt der Protagonist beim Lauschen hinter einer Tür. Auch auf dem Polizeirevier spürt er, wie ihm das eigene Erlebnis fremd wird.

Enteignung durch die eigene Sprache

„Ich erkannte meine eigenen Erinnerungen nicht wieder, während ich sie schilderte. Die Fragen des Beamten zwangen mich, die Nacht mit Reda anders darzustellen, als ich es gewollt hätte. Und in der Form, die sie meinem Bericht aufzwangen, erkannte ich das Erlebte nicht mehr wieder. Das was ich hätte sagen wollen, das war verloren.“

Hier versucht der Autor zu begreifen, wie die Sprache selbst zur Enteignung des Erlebten führt, in verschiedenen Varianten der Vergesellschaftung von Erfahrung: In der Familie, bei der Polizei, im Krankenhaus, bei Freunden. Was sich bei der Lektüre als eine literarische Selbstbefragung über die Grenzen der Sprache ausnimmt, ist bei Thomas Ostermeier in die Gleichzeitigkeit verschiedener Spiel- und  Bildebenen übertragen. Schwester Clara sitzt mit ihrem Mann am Küchentisch und kommentiert das Geschehen, oder ein Polizeibeamter oder eine Ärztin am Bühnenrand, oder die aus dem Off sprechende innere Stimme des Protagonisten: „Er begehrt dich und verabscheut sein Begehren zugleich. Er will dich für sein Begehren büßen lassen. Er will sich selbst glauben machen, dass er das alles nicht getan hat, weil er dich begehrt, sondern als Vorwand: Der Sex war nur das Vorspiel zum Raub.“

Mordversuch

Christoph Gawenda, Laurenz Laufenberg, Renato Schuch (Foto: Arno Declair)

Teilweise mit Smartphones erfasste Video-Bilder streuen sich immer wieder in Geschehen, erstarren zu emblematischen Standbildern auf der großen Videoleinwand. Alina Stiegler und Christoph Gawenda verwandeln sich schnell in diverse Nebenfiguren rings um das zentrale Paar: Laurenz Laufenberg, auch äußerlich ein schauspielender Widergänger des jungen, blonden Autors und Renato Schuch als finster dreinblickender Täter. Alles in allem eher ein von Schlagzeuger Thomas Witte angetriebenes dokumentarisches Theater, Reenactment, als subtile Erschließung einer problematischen, in Gewalt umschlagenden, homosexuellen Liebesnacht. Das hat Gründe. Denn das Theater will hier auch der soziologischen Komplexität seiner Figuren gerecht werden. Der junge schwule Pariser Intellektuelle stammt aus dem nordfranzösischen Subproletariat. Sein Vergewaltiger ist ein junger Kabyle, dessen Vater in den 60er Jahren eingewandert und in einem schäbigen knastartigen Arbeiterheim untergebracht war, während die Mutter des Protagonisten in einem heruntergekommenen Altenheim schuften musste. Auch all das will mit Stift, Papier und Videokamera zumindest als Skizze erzählt sein, in einer etwas linearen theatralen Setzung der Gleichzeitigkeit von privatem Ereignis und gesellschaftlicher Vereinnahmung. Die zentralen Figuren teilen die soziologische Herkunft an den Rändern der französischen Gesellschaft, nicht aber den kulturellen Umgang mit der eigenen Biografie. Ostermeier bleibt nach Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ einem politischen Theater verpflichtet, das sich in seiner Komplexität sperrig und quer zu den herrschenden Diskursmoden positioniert. Daher kann bei ihm ein Kabyle, also kein Araber, wohl aber ein Nordafrikaner, ein bewaffneter Dieb und Vergewaltiger sein. Édouard Louis’ schöne literarische Hypothese aber, dass es das geteilte Vielfache, die Sprache selbst ist, die uns des eigenen Erlebens beraubt, sobald wir es aussprechen, für die findet dieses Theater keine Entsprechung.